4. Hruby Jeseník (Altvatergebirge) und Rychlebske hory (Reichensteiner Gebirge): Am Praděd vorbei auf den Schneeberg 13.-16. August 110 km Ich liebe Nächte wie diese: unspektakulärer Fichtenwald, weicher Boden, Windrauschen, überwiegend eben. So geht Regeneration. Um kurz nach 7 Uhr mache ich mich auf um just nach 600 m an der Chata na Skřítků eine Ladestation zu entdecken. 10 min Handyaufladen muss jetzt auch noch sein. Dann beginnt ein langer schöner Anstieg durch den Wald, auf dem mir 15-20 Tschechen unterschiedlichen Alters mit Rucksäcken entgegen kommen. Offenbar ist der Bergkamm wieder ein Hotspot für Sonnenunter- und aufgangsanbeter. Nach einigen Höhenmeter erwartet mich schon der erste verblockte Gipfel Ztracené kameny, auf dem ein junger Tscheche sein erstes Gipfelbier um kurz nach 8 Uhr hineinschüttet. Ich gehe mal besser weiter. Und dann kommt in dieser Morgenstunde der mit Abstand schönste Trail in Richtung Praděd, dem Altvatergipfel mit fast 1500 hm. Aussichten mit 360°-Panorama auf einer riesigen Hochfläche, bei der es klar wird, warum so viele von ihrem Biwak kommen. An der Jelení studánka gibt es reichlich Quellwasser und einen großzügigen Unterstand, in dem viele Leute hineinpassen. Momentan ist hier keiner mehr. Ich bin im flow und wandere an Heidekraut vorbei mit permanenter Aussicht. Immer auch den Blick auf den Praděd voraus dreht sich der Weg an einem Lift halbkreisartig. Das vorläufige Ziel ist das Skiörtchen Ovčárna, in dessen Restaurace ich meinen Brunch mache. Langsam bekomme ich eine smažený sýr mit hranolky -Vergiftung, aber das ist das einzige Gericht, was ich am besten aussprechen kann. Das WC eignet sich für Catwash und die Dame hinter dem Tresen lässt mich mein Smartphone aufladen. Frisch gestärkt geht es auf Teerstraße zum Praděd. Es ist Mittag und eine Massenprozession bewegt sich gen Gipfel. Da lasse ich den Altvater doch lieber rechts liegen und spare mir die letzten hm. Das nächste Ziel ist eine Hütte in Švýcárna. Ich muss für mein pivo garantiert 20 min anstehen, aber mir macht das nichts. Dann folge ich dem Weg weiter, meist abwärts, dann über Bohlen, dann wieder steinig bergauf. Mit einer älteren Einheimischen komme ich auf Englisch ins Gespräch, es schaltet sich ein älterer Herr dazu, der besser Englisch kann und so fragen sie mich ein wenig aus und wünschen mir eine gute Wanderung. So macht das richtig Spaß, wenn man Kontakt zu den Leuten bekommt. Für den Abend suche ich die Vřesová studánka auf, eine Mischung aus Quelle, Kapelle und Unterstandshütte, auf dem Dachboden könnte man nächtigen, aber da ist schon eine Familie mit Kindern. Ich suche mir etwa 50 m weiter oben ein Sonnenplätzchen zwischen Heidelbeeren und Felsen. Über mir fliegen Fichtenkreuzschnäbel. Ich glaube, ich mache heute mal wieder Cowboy Camping. Der Biwakplatz war im Grunde nicht schlecht, unauffällige Lage, aber windige Exposition. Ein Biwak hat den Nachteil, viel anzuziehen und sich nicht ausbreiten können. Der Vorteil besteht in den Wachphasen, dass man direkt in einen gigantischen Sternenhimmel guckt und Sternschnuppen zählen kann. Und man versäumt den Sonnenaufgang nicht. Dieser hier ist wieder sagenhaft schön, wenn sich die neon-rosa Scheibe hinter den blauen Bergketten erhebt. Ohne Frühstück geht's auch gleich los. Auf dem ersten Gipfel des Tages, dem Keprník vrchol, einem 1400er, bin ich schon nicht mehr alleine. 2 nette Burschen lassen englisch mit sich reden, und so machen wir gegenseitig von uns Gipfelfotos. Auf dem Weiterweg nach Ramzová knurrt mir der Magen, kommt jetzt etwa der hiker-Hunger? Und so stolpere ich den sehr steinigen Weg hinab und wundere mich, dass mir immer mehr Touris um diese Zeit schon entgegen kommen. Das Rätsels Lösung ist eine Seilbahn, die alle ein paar hm nach oben schweben lässt. Am späten Vormittag bin ich in Ramzová und kaufe der Minimarket-Frau Wasser und ein paar Snacks ab. Ein gefüllter Krapfen in die Hand muss auch sofort sein. Keine 700 m weiter entdecke ich ein Hüttenresort, dessen Parkplatz mit Laternen bestückt ist, die in den Masten Steckdosen haben. Bis Mittag gibt es also für mich nochmals eine Ladepause. Dann kommt wieder ein Anstieg durch den Wald und auf schönen Trails bis zur polnischen Grenze. Ich mache einen 500 m Abstecher zu einer großen Berghütte, Horská chata Paprsek, wo ich mir Gulaschsuppe und als Nachspeise eine große Heidelbeerdampfnudel gönne. Letztere bereitet mir ein Zuckerkoma, mit dem ganzen Puderzuckertopping und der flüssigen Butter obendrauf. Und Aussicht hat man beim Essen direkt auf den Dalimilova rozhledna einige hm weiter unten, ein Aussichtsturm bzw. eine verkleinerte Replik der Sněžník-Aussichtsplattform. Zu dem Sněžník wandere ich aber erst morgen. Mit vollem Bauch schlendere ich nach langer Pause wieder an den Grenzsteig und nehme mir nochmals 10 km vor. Allerdings schwächle ich heute nach dem frühen Aufbruch und ungewohnt vollen Magen, so kommt es mir gelegen, bereits schon nach weiteren 8 km ein Waldstück zu entdecken, wo sich ein verschwiegenes Plätzchen auftut. Ich brauche heute wieder eine unspektakuläre Nacht. Die Nacht wäre ganz ok, wenn da nicht immer wieder so leichte Raschelgeräusche und ein niedliches Fiepen zu hören wäre. Wahrscheinlich sind Marderchen zu Gange. Ich stecke mir mal Ohrenstöpsel ein und rette si die frühen Morgenstunden für den Schlaf. Um 7 Uhr geht's aber auf, der Sněžník (Glatzer Schneeberg) will heute bestiegen werden, und noch mehr. So geht es erstmal die restlichen km bis zum Sattel. In dessen Chata ist um 8 Uhr erst Aufwachstimmung. Der steile Anstieg kommt erst noch nach einem flachen Gehstück. Dann geht's aber zur Sache. Die ersten Biwakierer kommen mir schon entgegen. Mit einem polnischen Männerduett komme ich sehr ausführlich ins Gespräch. Sie sprechen ausgezeichnetes Englisch, der eine, Tom, hat wohl in den USA studiert, der andere, Jan, kann Japanisch. Sie verraten mir, das kurz vor dem Gipfel eine Quelle sprudelt, somit ist mein Tag gemacht. Beide haben oben biwakiert und zeigen mir traumhafte Sonnenaufgangsfotos. Das Zelt haben sie sich nicht benutzen trauen. Wildzelten ist ähnlich wie bei uns verboten, aber Biwakieren sei eine Grauzone. Was will man denn auch schon dagegen machen, wenn z.B. auf der Schneekoppe im Riesengebirge täglich bis zu 500 Leute bei gutem Wetter dort in Schlafsäcken und Matten den Sonnenunter- und -aufgang betrachten....sagen sie. OK, d.h. hier besser durchstarten oder eben die 501. sein. Dann endlich ist sie da, die Quelle. Ich pumpe mir schon mal einen extra Liter rein und fülle alle Flaschen auf. Das sollte bis morgen reichen. Den Aussichtsturmaufstieg spare ich mir, es ist mittlerweile so oder so halb Tschechien und ein Viertel Polen hier oben. Auf dem E3 geht's wieder hinunter durch den Wald. Es kommen mehrere kleine Bäche, den ersten nutze ich gleich mal für eine ausführliche Wäsche. Dann zieht sich der Abstieg. Das Käffchen Králíky, ehemals Grulich, werde ich heute nicht ganz erreichen und hebe ich mir für morgen Vormittag auf. Dort muss ich wieder nach Wasser schauen. Ein paar km davor lädt ein Waldrand mit Aussicht auf ein Kloster zum Bleiben ein. Das Zelt werde ich wohl erst ganz spät aufstellen. Heute ist Sonntag, und da lasse ich es etwas langsamer angehen. Der Ausblick von meinem Lagerplatz auf das Kloster Hedeč Hora Matky Boží auf dem Bergerl links neben dem Örtchen Králíky wird mir heute noch genügen, denn nach gut 3 km verweile ich erstmal an dem Kircherl Panna Marie, dessen Friedhof einen funktionierenden Wasseranschluss bietet. Perfekt zum Auffüllen meiner Flaschen und zur Morgendusche, ist ja noch keiner da, um Gräber zu gießen. Eine halbe Stunde später gibt es den nächsten verlängerten Stopp. Am Besucherzentrum des Hauptbunkers aus dem 2. Weltkrieg bzw. schon aus der Zeit davor, als die Tschechen ihre Verteidigungslinie aufbauten, kann ich zum einen einen Kaffee trinken und meine Powerbank ein bisschen laden. Am Vortag fand nämlich eine militärische Übung mit sämtlichen tschechischen Organisationen statt und so konnte ich all diese Militärgrößen, die neben mir ihren Morgenkaffee gekrenzt bekommen, beobachten. Nur, dass ich halt leider kein Wort verstehe. Nach einer weiteren 3/4 h der nächste Boxenstopp, namens COOP. Der hat auch am Sonntag auf, und so kann ich wieder Proviant nachkaufen und gebe mich auf der Wiese davor einem ausgiebigen Brunch hin. Da es nun schon später Vormittag ist, spar ich mir die Schlaufe zum Kloster und zu einem Aussichtsturm. Beide Lokalitäten liegen auf einem Hügel und tja, mit vollem Rucksack und Bauch in der Mittagshitze.... Trotzdem blüht mir noch ein Anstieg auf den Suchý Vrch, der knapp unter 1000 m hoch ist. Dahinter liegt ein etwas feineres Restaurant, in dem ich Saláty mit Pute erstehe und mein Handy komplett aufladen kann. Diese 4. Pause zerschießt mein Zeitfenster zum Vorankommen. Egal, ich schalte heute einen Gang zurück und fasse die Útulná U mladkovske školky als Abendziel ins Auge. Wenn die leer sein sollte...immerhin wollte ich ja auch mal in so einer Útulná nächtigen.