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Ultraleicht Trekking

durch das wilde Emmental


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Es ist Dienstag, mein befristeter Vertrag ist ausgelaufen, neuer Job glücklicherweise nicht in Sicht. Also los. Ich fahre mit der Bahn in das lauschige Dorf Langnau im Emmental, um dort den Alpenpanorama Weg wieder aufzunehmen. Dort angekommen geht es zunächst in den örtlichen Coop Supermarkt, Wasser kaufen. Natürlich hatte ich meine Wasserflaschen zu Hause schon gefüllt, jedoch einen schwarzen Punkt in der einen Flasche übersehen. Gar nicht gut. Ich verwende Flaschen von CNOC Outdoors, sie sind halb flexibel, im Gegensatz zu Hydrapak Beuteln stehen sie wenigstens stabil in gefülltem Zustand.

Diese Flaschen sind zum ständigen Wiederverwenden gedacht, an sich keine schlechte Idee. In der Schweiz gibt es aber einen PET-Recycling-Verein, die Rücklaufquote von PET ist gut, die Nachfrage nach Recycling-PET übersteigt das Angebot. Persönlich verwende ich eine PET-Flasche ca. eine Woche lang. Von der Handhabung her sind harte Flaschen einfach angenehmer, es sei denn, diese sollen in einer Laufweste untergebracht werden. CNOC verwendet poröses TPU Material, deshalb nimmt das Material Gerüche und Farben an. Kurz: Ich kann mich mit diesem Konzept nicht anfreunden. Eine Gatorade-Flasche mit breitem Deckel ist einfach angenehmer, z.B. um eine Elektrolyt-Tablette einzuwerfen. Eine CNOC Flasche muss man vorsichtig am oberen Ende anfassen, ansonsten das Wasser in hohem Bogen hinaus spritzt.

Natürlich war es bereits 16:00 Uhr als ich endlich im Zug sass. Zunächst musste ich noch einmal beim Outdoor-Händler vorbei. Lange Hosen sollen es sein, für den Sommer. Ich entscheide mich für ein Modell von Arc’teryx, der Händler schreibt auf seiner Webseite dazu: “Dieses Produkt befindet sich momentan noch in unserem knallharten Test-Labor. Wir beeilen uns die letzten Prüfungen abzuschliessen, damit wir dir den bestmöglichen Produktetext liefern können. Danke für die Geduld!”. Verfügbar im Laden ist es trotzdem. Die Hosen sind sehr bequem, leider aber mit unnützen Taschen versehen.

Ich steige erstmal auf, bis auf die Blasenflue. Nun stellt sich die Frage nach einem Schlafplatz. Länger irre ich im Hang umher, schliesslich ist es mir egal: Ich schlage mein Lager keine fünf Meter vom Weg entfernt in Sichtweite des höchsten Punktes auf. Falls es jemandem nicht passt, hat er halt Pech gehabt. Es gibt noch einen anderen Grund: Die Tiere des Waldes haben nun Nachwuchs, da lasse ich sie besser in Ruhe und übernachte eben möglichst abseits von Dickichten etc. Es kommt zu keinerlei Störungen. In der Nacht blässt der Wind, ich liege jedoch sehr bequem in meinem Notch mit Teilsolidem-Innern. Es ist sehr warm, die Uberlite hätte auch gereicht. Zwischendurch höre ich etwas grosses, vielleicht ein Elefant oder ein Moschusochse, was weiss ich.

Natürlich teste ich auch die Griff-Halterungen von Tarptent aus, nachdem sich der leitende Gear Experte hier kritisch über die Montageweise von Trekking-Stöcken bei Tarptent verlauten liess. Ein Gefummel, Spitzen gegen oben funktioniert wunderbar, meine Stöcke sind überdies oben am Griff flach, d.h. sie versinken nicht im Dreck wenn man sie eben mit den Griffen nach unten hinstellt - gemäss Hersteller soll man damit sogar die Trails rocken können, was kann schon schiefgehen.

Mein Notch kriege ich mittlerweile problemlos aufgestellt. Das Innenzelt ist eben lang und breit genug. Wenn jemand etwas besseres und leichteres in dieser Kategorie weiss, immer her damit. Kein Zpacks, kein MLD und keine Mits, grundsätzlich. Das Notch verbindet halt viele Dinge, die mensch als 6 Stunden plus Wanderer am Tag gerne mag: Wenig Gewicht, wenig Stellfläche aber trotzdem zwei Eingänge und grosse Apsiden. Die Qualität stimmt auch, in ca. 5 Jahren (frühestens) hat dann Tarptent auch genug Erfahrung mit DCF.    

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Auch probiere ich die zweite Ausgabe des Foodbags von CNOC aus. Die erste war rund, wahrscheinlich war es damit schwierig, das Esssen auf den Löffel zu kriegen, sobald nur noch ca. ¼ davon vorhanden war. Leider ist der auch aus porösem TPU (verfärbt sich schnell) und schwierig zu öffnen, der Slider klemmt irgendwie. Wenn schon cold soaking, dann doch lieber mittels hartem Gefäss. 

Der Weg ist brutal. Es geht ständig unmöglich steil hinauf und gleich wieder herunter. Ich passiere die sehr pittoresken Ortschaften Grosshöchstetten, Konolfingen, Münsingen und Toffen.

Es ist die ideale Vorbereitung auf einen Schweizer Einbürgerungstest. Wer diesen Weg gegangen ist, kennt alle Traktormarken am Geräusch. John Deere, Fendt, New Holland, Bucher, Claas, Valtra, JCB, Case, Massey Ferguson oder Steyr und natürlich die Trattori Lamborghini.

Wenn man länger in dieser Gegend herum wandert, wird man auch zum Güllen-Sommelier. Mit der Zeit kann man wahrscheinlich die Kuh- und Saurassen am Geruch der Gülle unterscheiden. Schön ist auch der Asphalt. Immer wieder eine halbstündige Roadwalk-Session.

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Hunde gibt es auch, jedoch sind sie entweder gut erzogen oder hinter einem Zaun. Irgendwo kurz vor Toffen steht ein Schild, mit einem Hund drauf. Aiko bittet die Wanderer, stehen zu bleiben und seinen Namen zu rufen, wenn er bellend auf sie zu rennt. Er verteidige ja nur sein Revier. Ohne mich bezüglich Landbesitz und Wegrechte auf die Äste hinaus begeben zu wollen: Das ist eine Zumutung. Aiko zeigt sich nicht, wahrscheinlich ist er bereits genügend oft von meinen Vorgängern vermöbelt worden. Wir sind immer noch auf einer nationalen Wanderroute von SchweizMobil - dem Alpenpanorama Weg. Auch wenn es nicht danach aussieht. Es ist einfach Landwirtschaftsland.

Andere Hunde tun mir leid: Ihre Kette ist dermassen massiv, dass sie sich kaum bewegen können. Der letzte Anlauf, Kettenhaltung in der Schweiz grundsätzlich zu verbieten, ist leider im Parlament gescheitert (2018). Ich befinde mich nun zwischen dem Emmental und dem Berner Oberland. Offenbar erwische ich zu viel Sonne, es ist das erste Mal schön warm in diesem Jahr. Möglicherweise fordern auch die steilen Aufstiege ihren Tribut.

Es gibt nun wenig Wald und ich ziehe mich nach 37 km zuoberst auf einen Hügel zurück. Wahrscheinlich sehen mich Mountainbiker. Keine halbe Stunde später werde ich offenbar gesucht. Laut sprechende Menschen laufen den Weg vor meinem Zelt auf und ab. Ist mir egal, solange nicht ein Bauer mit der Heugabel daherkommt. Es kommt niemand, aber ein Reh oder ein Fuchs schleicht stundenlang um mein Zelt. Und die Hunde bellen alle zehn Minuten. Es fängt jeweils einer an, dann antworten seine Kollegen. Mitten in der Nacht höre ich auch ein Heulen, ich weiss aber nicht ob dies der lokale Wolf oder ein Hund ist, der seine Stimmbänder trainiert, damit er auch am nächsten Tag kraftvoll die ganze Zeit drauf los bellen kann. 

Am nächsten Morgen kann ich weiter wandern. Zunächst ein weiteres Schild: Herdenschutzhunde. Schon die ganze Zeit habe ich mir Beleidigungen für Hunde ausgedacht (“Sohn einer Katze!”, “alter Stinkdachs!”, “Whiskas fressende Promenandenmischung!”) leider kann ich sie den Herdenschutzhunden nicht an den Kopf werfen, da sie sich nicht über den Zaun trauen.

In Schönentannen hat jemand ein Schild aufgehängt: “Schon die Indianer konnten sich nicht gegen die Einwanderer wehren, heute leben sie in Reservaten”. Keine fünf Meter von diesem Spruch entfernt gräbt eine Frau einen Garten um. Sie trägt alle äusseren Merkmale einer Latina, wie AOC, sie ist einfach ein wenig älter. Ein netter Spruch verbessert bestimmt die offenbar sehr gute Nachbarschaft. Ich trage extra ein billiges *kleines* Messer mit, um alle idiotischen Sprüche zu entfernen, vor allem die Kleber an den Wanderweg-Tafeln. Bei meinem letzten Hike habe ich damit Plastikschnüre um einen Baum entfernt, aber nun traue ich mich gerade nicht, es sind einfach zu viele Leute unterwegs.

Bald erreiche ich den Weiler Schwarzenburg, viele Leute sind auf den Beinen, morgen ist Karfreitag, zahllose Rentner füllen ihre Biervorräte auf. Rein äusserlich gehören hier einige nicht gerade zu den oberen zehntausend oder zur sonstigen dörflichen Elite. Einige duschen wohl auch seltener als ich auf einem Trail. Immerhin gibt es einen Messerschmied, seit 1881 schon. Leider haben sie gerade kein Katana eines einigermassen kundigen Meisters wie Herrn Masamune im Angebot, sonst hätte ich es erstanden und als kleine Aufmerksamkeit dem Herrn @schwyzi zugestellt, damit er sich nicht mehr mit derartigen Rambo-Messern zeigen muss. Also wenn schon, damit könnte man mit einer leichten Drehung des Handgelenks frei nach Haidong Gumdo einen ausgewachsenen Schäferhund-Rüden filetieren, ohne aus dem Wander-Rhythmus zu fallen. Das einzige Problem mit Berglöwen wäre, wie man die zahlreichen Felle über den Zoll kriegt, ohne Zwangsurlaub im Knast...

Nach einer weiteren zünftigen Roadwalk-Session geht es auf das Guggishorn, 1200 Meter, mit hübscher Treppe, auf einen Felsen hinauf. Der Weg ist nicht mal so übel, ich bin mittlerweile mit sehr wenig zufrieden. Nach dem Guggishorn erreiche ich Guggisberg, berühmt wegen dem Lied über Vreneli aus dem 17ten Jahrhundert. Der Friedhof ist mit einem elektrischen Zaun gesichert, es gibt einen Dachs. 

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Nach Guggisberg muss ich wieder steil und sehr tief nach unten. Wiederum vorbei an (angeleinten) Hunden, Südstaaten-Fahnen und John Wayne Portraits. Ein Bauer sprüht Jauche 20 Meter weit durch die Luft, da er sonst die steileren Ecken seines Feldes nicht erreichen kann. Danach gehts wieder einmal hinauf. Kühe versperren den Weg, ich muss über einen Zaun. Dabei trifft mich ein Stromschlag vom Zaun her. Ausgerechnet in diesem Augenblick nähert sich eine jüngere Dame von hinten. Sie trägt einen echten Schweizer Armee Rucksack (nur 3 kg schwer…) und entweder ist sie von Angehörige unserer Elitetruppe namens AAD 10 oder eine Einheimische hier. Sie hoppelt wie ein Hase durch die Landschaft. Sowas kann ich nicht bieten. Dafür geht es nun wieder zurück nach Zürich.             

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