Bei mir kam in den letzten Tagen das Bedürfnis auf, meine diesjährige Tour in der Sierra Nevada, über die Sierra High Route in Südrichtung und die Southern Sierra High Route, doch noch irgendwie schriftlich festzuhalten. Ich habe heute damit begonnen und werde die Ergebnisse hier einstellen. Auch wenn der Bericht eher eine Dokumentation ist und außerdem mangels Fotos vielleicht nicht ganz so packend sein wird, mag es dennoch für den einen oder anderen von Interesse sein. Fragen zu dem Weg hätten dann auch einen vernünftigen Platz.
Die Skurka-Karten, die ich benutzt habe, werde ich wohl nicht einstellen dürfen, dafür hänge ich aber Google-Earth-Dateien an. Diese stellen den Weg eher schematisch da, sind also keine Logs meiner tatsächlich gelaufenen Route. Ich hatte sie aber so auch auf der Tour dabei und sie haben zur Orientierung gereicht. Ich persönlich finde es immer sehr schön, wenn man Berichte irgendwie nachverfolgen kann.
Meine Packliste: https://www.geargrams.com/list?id=45894
GE-Datei des ersten Kapitels: 01TwinLks-Tuolomne.kmz
Tag 0 (8. August 2018): Reno-Horse Creek
Ich übernachte in einem Hotel am Reno Airport. Am nächsten Morgen vertreibe ich mir am Airport die Zeit, frühstücke Nachos mit Käsesoße und suche die Haltestelle des Busses, die nirgendwo ausgeschildert ist. Irgendwann treffen andere Wanderer ein und wir stehen tatsächlich richtig. Beim Gepäckeinladen sind einige HMG- und ULA-Rucksäcke vertreten. Ich frage den Busfahrer, ob er mich etwas südlich von Bridgeport am Ranger’s Office rauslassen kann, was er bejaht.
Obwohl wir in Bridgeport länger Pause machen, da ein Betrunkener, der sich im Bus entblößt hat, von der Polizei abgeholt wird, erreiche ich rechtzeitig vor Ladenschluss das Ranger’s Office. Dort händigt man mir mein Permit aus, ich werde nichts gefragt, über nichts instruiert und muss auch meinen Bärenkanister nicht vorzeigen. Ich latsche zur Abzweigung Richtung Twin Lakes, halte den Daumen raus und werde schnell mitgenommen. Am Campground Twin Lakes ziehe ich meine Wanderklamotten an, sortiere Müll aus und finde recht schnell den richtigen Weg den Horse Creek entlang. Der Weg ist gut ausgebaut, ich komme trotz der Steigung zügig voran. Als es langsam anfängt zu dämmern, bin ich aber in recht unwegsamem Gelände, außerdem ist mir die ganze Bärensituation noch nicht geheuer. Da ich auf der anderen Seite des Baches einen großen, flachen Felsblock sehe, der sich als Nachtlager eignet, furte ich den Horse Creek, was sich aufgrund der Strömung, von Felsen und des Uferbewuchses als gar nicht so leicht herausstellt, deponiere meinen Bärenkanister und breite meine Isomatte aus. Da ich vermutet habe, hin und wieder auf Stein campieren zu müssen, habe ich extra auf EVA-Matten gesetzt. Die Nacht verläuft an sich ruhig, nur hin und wieder höre ich mir unheimliche Geräusche, die gelegentlich einen „Hey, Bär“-Ruf meinerseits provozieren.
Tag 1: bis Shepherd Lake
Ich bin früh auf den Beinen, quere den Horse Creek wieder und steige weiter Richtung Horse Creek Pass. Gelegentlich sieht man Steinmännchen, denen ich erst folge, bald schere ich mich aber nicht mehr darum, wenn ich sie verliere. Von oben sehe ich ein Zeltlager ganz in der Nähe meines Übernachtungsplatzes, das dürfte die nächtlichen Geräusche erklären. Ich gehe davon aus, dass sie den Matterhorn Peak besteigen, dafür dürften auch die Steinmännchen sein. Kurz vor dem Pass treffe ich ein Paar, die gerade in den letzten Zügen ihrer SHR-Thruhikes sind, und euphorisch sind, mich zu sehen. Ich bin der einzige SHRler, den sie getroffen haben, und sie haben wohl seit 3 Tagen niemanden mehr gesehen. Da sie Gossamer-Gear-Rucksäcke tragen, folgt heftiger Geartalk und wir tauschen E-Mail-Adressen aus. Dann geht es weiter, der Horse Creek Pass ist schnell erklommen, dahinter breitet sich ein herrlich üppiges Tal aus, das so auch in Lappland sein könnte. Ich steige es weglos hinab, bis es links zum Anstieg auf den Stanton Pass geht. Ich nutze die Skurka-Karte und habe mit Kugelschreiber vermerkt, dass man sich laut Roper-Buch hier eher rechts halten soll. Als ich in der Nähe der Passhöhe bin, entscheide ich mich dennoch dafür, links hochzusteigen, das sieht schlicht einfacher aus, und selbst da ist es schon Kletterei. Oben angekommen, bin ich dann natürlich deutlich zu weit links, hier ist es sehr steil und ich muss erst mal nach rechts queren, um runterzukommen. Das geht dann einigermaßen, auch dank Büschen, an denen ich mich festhalten kann. Unten angekommen, sieht man sehr klar, wo man von hier langgemusst hätte: An den Punkt des Passes, an dem ich rauskam, würde man von hier im Leben nicht aufsteigen. Ich habe ziemliche Kopfschmerzen, das passiert bei mir öfter am ersten Tag einer Wanderung, zudem habe ich wenig getrunken. Ich setze mich erst mal an einen Bach und trinke anderthalb Liter Wasser, dabei bemerke ich, dass ich eine blutige Kruste in meiner Nase habe. Unschön. Ich fürchte, dass das an der Höhe liegt, nehme erst mal eine Ibuprofen und mache mir keine Sorgen. Der Weg zum Soldier Lake ist leicht zu finden und hübsch, und der Abstieg in den Virginia Canyon schnell geschafft. Der ist leider extrem dicht bewachsen und die Querung desselben stellt sich als recht schwer heraus, weshalb ich das GPS zu Hilfe nehme. Von der anderen Seite kommend, hätte man einen markanten Gipfel als Orientierungspunkt, das fehlt mir hier. Ich denke sowieso öfter auf der Tour, dass die markanten Landmarken in Süd-Nord-Richtung oft besser zu finden sind, das mag aber auch Einbildung sein.
Um ca. fünf Uhr bin ich am Shepherd Lake, die Kopfschmerzen sind nicht besser geworden, und ich denke, dass es Sinn macht, den Tag hier zu beenden, um eine eventuelle Höhenkrankheit ein wenig auszukurieren. Ich finde eine einigermaßen gute Campstelle mit Schatten (es war den ganzen Tag über sehr heiß), und döse ein wenig vor dem Zelt und höre ein Hörbuch, bis es dunkel wird und ich mich ins Zelt verkrieche.
Tag 2: bis Rafferty Creek (1 h nördlich von Tuolomne Pass)
Ich bin am nächsten Morgen wie immer früh wach und gehe zum Bach, um Wasser zu holen. Da steht ein Mensch! Wir kommen natürlich ins Gespräch, er und sein Freund laufen die Sierra High Route von Red’s Meadow bis zum Ende und werden das in insgesamt 8 Tagen schaffen. Ich erzähle von meinem Unwohlsein und kriege 4 Aspirin und irgendwas gegen Höhenkrankheit.
Dann mache ich mich an den Aufstieg zum Sky Pilot Col. Der ist nicht gerade direkt, da der Weg immer wieder von Moränenhügeln versperrt wird, ansonsten aber technisch nicht allzu schwierig. Auf der anderen Seite geht es durch Sand rutschend direkt bergab. Bald folgt der Aufstieg auf den Ostgrat des Mount Conness, der, zumindest auf meiner Route, einige Kletterstellen bereithält, ohne dass man genau weiß, ob man am Ende auch da auskommt, wo man hinwill. Die Kopfschmerzen sind zwar besser, aber lauern immer noch im Hinterkopf, was das Ganze auch nicht unstressiger macht. Die Nase ist immer noch voller trockenem Blut. Als ich oben angelangt bin, ist der Abstieg auch nicht gerade einfach und verlangt wieder volle Konzentration. Auch der folgende Anstieg zum Spuller Lake ist kein Kinderspiel, aber doch deutlich leichter als der Mount-Conness-Ostgrat. Insgesamt laufe ich seit Stunden durch Gelände, das an sich nicht überfordernd ist, aber ohne Unterlass Konzentration verlangt, was mich ein wenig schlaucht. Die Querung vom Spuller Lake zur Great Sierra Mine ist – in meine Richtung – nicht einfach von der Navigation, ich will gar nicht lange rumprobieren und folge meinem GPS (also einer schwarzen Linie auf grauem Grund und meiner Position in Relation dazu). Der Weg von hier nach Tuolomne Meadows ist dann größtenteils auf einem Weg und einfach. An TM angekommen will ich Aspirin kaufen und zu Hause anrufen, am Campingplatz ist beides nicht möglich. Ich trampe zum Post Office, auch dort gibt es weder Empfang noch Aspirin (ich selbst habe nur Ibuprofen dabei und hatte das Gefühl, dass Aspirin etwas besser wirkt).
Gut, also wieder zurück auf den Trail, und ich laufe noch ca. 3 Stunden in Richtung Tuolomne Pass. Es gibt nirgendwo Wasser, alle Bachläufe sind ausgetrocknet. Irgendwann entdecke ich ein kleines Rinnsal, dessen Wasser trinkbar aussieht, fülle meine Flaschen auf und errichte das Zelt. Die folgende Nacht war die schlimmste der Tour, ich hatte teilweise richtige Atemnot. Langsam glaube ich, dass das nichts mit der Höhe zu tun hat: Ich bin hier deutlich unter der Baumgrenze, dafür ist es offensichtlich sehr trocken und ich bin sehr nah am großen Feuer weiter westlich und dessen Rauch.