Endlich ist das Tarp fertiggenäht, hier folgt eine Beschreibung für Dummies, die wie ich erstmals an der Nähmaschine sitzen.
Ein großes Dankeschön an @wilbo, der meine vielen Fragen geduldig beantwortet hat 🙌
Materialien (alle von extremtextil):
3 m x 1.5 m 20den Ripstop SilNylon 36 g/m²
0.5 m x 1.5 m PU-beschichtetes Nylon 90 g/m²
Alterfil S 80, Nähgarn, Polyester
2 m Kanteneinfaßband, Ripsband, Polyester, 6mm
8 m Dyneema/Polyester-Kordel, 16fach, 1,5mm
2 Karabinerhaken mit Gurtbefestigung, 7mm
2 Zeltabspanner Clamcleat® Line-Lok mini, fluoriszierend
Gear Aid Seam Grip + WP
Gesamtkosten 68 €
Das wichtigste vorab --> Gewicht:
Tarp 180 g
Abspannleinen 12 g
Ich werde noch elastische Abspannschnüre an 5 Punkten anbringen, die wiegen bei meinem alten Tarp ca. 3 g in Summe.
Ich hatte es nicht erwartet, aber bin unter 200 g gelandet. Wenn es jetzt noch hält...
Nähprozess:
1. Schneiden
Lieferung gesichtet und zunächst gewundert, wieso mein toller Stoff am Rand so kaputt ist und sogar Löcher hat. @wilbo kann mich beruhigen: das ist normal so. Ich überlege, den Rand aus Faulheit dranzulassen, das kann man laut ihm machen (auch einfacher zu nähen da weniger glitschig) aber nimmt auch mehr Wasser auf --> also entferne ich ihn.
Mit der Nähschere meiner Frau gelingt das Schneiden sehr gut, mit einer normalen Haushaltsschere bin ich davor verzweifelt. Um die Ripstopfäden besser zu sehen, an denen ich meinen Schnitt orientiere, hilft eine Taschenlampe, die mir von unten durch den Stoff entgegenscheint. Licht von oben wird dagegen lediglich störend reflektiert.
Bei der Gelegenheit begradige ich auch gleich den erstaunlich schiefen Schnitt, den extremtextil beim Schneiden fabriziert hat. Mir bleibt eine rechteckige Fläche von 309,5 cm x 151,0 cm erhalten, die 169 g wiegt (ziemlich genau 36 g/m², top).
Und siehe da, die abgeschnittenen Ränder wiegen ganze 9 g und bringen mein Ultraleicht-Trekking Herz heftig zum pochen 🥳
Anschließend nehme ich eine Müslischüssel und einen weißen Stift und zeichne Kreise auf den Zeltbodenstoff. Auch diese werden ausgeschnitten. Ich benötige für meine gewählten Abspannpunkte
4 Ecken --> 4 x 1/4 Kreis
6 x Kanten --> 6 x 1/2 Kreis
2 x Lifter --> 2 x Vollkreis
Nach dem Schneiden merke ich, dass die Viertelkreise doch recht klein werden, wenn man noch den Rollsaum abzieht (siehe einer der Viertelkreise mit den Falten vom Rollsaum). Diese also nochmal neu mit einer größeren Müslischüssel.
2. Nähmaschine kennenlernen und testen
Zunächst einmal die Bedienungsanleitung wälzen, Unterfaden von der Rolle abrollen. Oberfaden einfädeln und damit den Unterfaden hochziehen. War doch ganz einfach.
Extremtextil empfiehlt auf ihrer Nadel-Garnempfehlungs-Seite für SilNylon und eine Garnstärke von 75 (ich habe 80) eine 90/100 microtex-Nadel. Habe ich nicht und nehme stattdessen eine 90er Jeans aus dem Sammelsurium meiner Frau. Auch diese ist schnell eingebaut, ist alles echt kein Hexenwerk.
Ich nähe erstmal zwei der zu klein geratenen Viertelkreise aufeinander. Die Büroklammern funktionieren schon mal nicht gut.
Von Hand halten bzw. mit einer Wäscheklammer funktioniert es besser. Schnell erwerbe ich 60 bunte Klammern, die mir der große Fluß am nächsten Tag in den Briefkasten spült. Auf die Kleberei mit einem Pritt-Stift habe ich keine Lust und ich will mein heiliges Material auch nicht unnötig mit Stechnadeln befiedern.
In der Zwischenzeit übe ich einen Rollsaum. Ich habe größte Probleme mit der "digitalen" Geschwindigkeit der Nähmaschine. Drücke ich das Fußpedal leicht, summt die Maschine aber bewegt sich nicht, drücke ich etwas mehr, rattert sie urplötzlich los wie die Deutschen wenn sich eine neue Kasse öffnet und ich komme mit Stoff führen nicht hinterher - ein Problem, das sich leider nicht wesentlich bessern sollte.
Auch beim Fadenvernähen habe ich Probleme, da sich beim Umlegen vom Vorwärts- in Rückwärtsgang und umgekehrt Falten bilden. Ich merke, dass ich beim Fadenvernähen im Gerade- statt Zickzack-Stich viel weniger Probleme habe und übernehme das so.
3. Abspannverstärker aufnähen
Jetzt wird es ernst. Etwas aufgeregt wage ich mich an das finale Material. Allerdings nur im Handbetrieb beim Zickzack-Stich (=manuelles Drehen vom Handrad), um das oben beschriebene Problem mit der Geschwindigkeit zu umgehen. Hieß die Anleitung nicht mal quick&dirty Tarp? Quick ist da bei mir gar nichts. Dirty schon eher.
Mal mehr mal weniger gut gelingt mir das Aufnähen der Verstärkungsteilkreise auf der Innenseite des Tarps an den Ecken und Rändern. Ein paar Hantelscheiben helfen ungemein, den Stoff auf dem Tisch zu halten, sodass kein unnötiger Zug auf dem Stoff lastet.
4. Rollsaum nähen
Ich schlage den Saum zweimal um und fixiere den Stoff mit einer Klammer. Das wiederhole ich alle 3 cm. Wieder nichts mit quick. Aber es funktionert gut und ich kann dieses Mal im Geradestich sogar den Segen einer elektrisch betriebenen Nähmaschine genießen. Nachdem die Maschine urplötzlich losrast, muss ich das Gaspedal wieder etwas lockern und komme dann in eine entspanntere Geschwindigkeit.
Ich bin zunächst zufrieden mit der Arbeit. Das Tarp misst jetzt 297 cm x 145 cm an der Außenkante. Ich habe beim Rollsaum doch nur ca. 5 mm pro Faltung eingeschlagen, wieso habe ich denn auf einmal über 10 cm verloren? Ich messe nochmal am First und sehe dort 307 cm. Offensichtlich habe ich den Stoff an der Kante beim Nähen irgendwie "gestaucht".
5. Abspannschlaufen auf Ecken nähen
Ich orientiere mich an wilbos Design und nähe das Band auf den Rollsaum (Zickzackstich).
6. Lifter anbringen
Wieder zurück in den Handbetrieb wechselnd, nähe ich die zwei Vollkreise von außen an das Tarp. Obwohl meine Frau mir unter die Arme greift (sie dreht das Handrad, ich halte und führe die Stoffe) wirft der Stoff beim Schließen des Kreises eine kleine Falte.
7. Schlaufen aufnähen
Anschließend werden auch hier die Abspannschlaufen mit Geradestich aufgenäht. Trotz kleiner Falten bin ich in Summe zufrieden.
7. Lifter nahtversiegeln
Hier ist mir bei der Planung ein Fehler unterlaufen. Ich habe ein Sil-beschichtetes Tarp und PU-beschichtete Verstärker gekauft, da ich keine Sil-Verstärker in der gewünschten Dicke gefunden hatte. Daher auch das Seam Grip + WP, das die Nähte der PU beschichteten Vestärker und die angebrachten Bandschlingen abdichten soll. Ich wollte für mein eines Projekt nicht zwei Nahtversiegler kaufen.
Gleichzeitig dachte ich, dass die Verstärker immer direkt an die Bandschlingen genäht werden. Das führt zu dem Problem, dass ich die Nähte von außen am Verstärker zwar dicht bekomme, aber Wasser seitlich zwischen Verstärker und Tarp eindringen könnte. Erst im Nachhinein lerne ich von @wilbo, dass es wohl auch andersrum geht, also Abspannschlinge auf Tarp und der Verstärker auf der anderen Seite vom Tarp. Dann hätte ich das Ganze von innen abdichten können und bedeutend weniger Wasser sollte (in der Theorie) zwischen Tarp und Verstärker gelangen.
Wilbo rät mir, das Seam Grip + WP stark mit Aceton zu verdünnen, damit es relativ tief in die Naht einläuft und nicht nur oberflächig abdichtet. Ich habe kein Aceton zu Hause und denke an Nagellackentferner. Da auch dieser nicht im Haus ist, weiche ich schließlich auf Spitirus aus und verdünne bis zu einer wässrigen Lösung. Anschließend tupfe ich die Naht großzügig ein.
Von unten sehe ich Flüssigkeitstropfen zwischen dem Verstärker und dem Tarp. Es hat den Abdichter also tatsächlich reingezogen und ich habe wieder Hoffnung auf ein dichtes Dach über dem Kopf.
Die Dichtigkeit muss ich mal noch testen und ggf. doch noch ein Sil-Nahtabdichtungsmittel von innen auftragen.
8. Abspannschnüre
Ich schneide zwei Schnüre mit jeweils 3,0 m ab, und knote ein Ende an die kleinen Plastikkarabiner. Diese hatte ich als leichte und (im Gegensatz zu Handschuhhaken) vermeintlich robuste Anklipsoption gekauft aber war von der kleinen Größe etwas überrascht. Ob die ausreichend stabil sind?
Auf der anderen Seite fädle ich die Line Loks ein und vernkote.
Aufbau
Ich teste im Garten zunächst den Aufbau als Halbpyramide und anschließend noch die für schlechtes Wetter gedachte asymetric holden Konfiguration à la Papa Hiker. Für letztere habe ich den Aufwand mit den Liftern betrieben.
Halbpyramide:
Asymetric holden:
Detailaufnahmen:
Das weißliche am Lifter ist Kreidepulver, das ich in Ermangelung von Talkum auf die Nahtversiegelung gestreut habe, um ein ungewolltes Verkleben zu verhindern.
In 10 Tagen geht es hoffentlich auf eine kurze Tour. Eigentlich sollte es schon am kommenden Wochenende losgehen, aber die Wettervorhersage ist mir für eine Gebirgstour aktuell zu gewittrig.