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Ultraleicht Trekking
BitPoet

Westweg und ein wenig Mittelweg - August 2020

Empfohlene Beiträge

Der Schwarzwald ist wohl definitiv nicht der PCT, aber nachdem Plan A im März für gescheitert erklärt wurde und Pläne B, C, D und E ebenfalls nicht mit der Corona-Lage zusammenpassen wollten, war klar, dass mein diesjähriges Urlaubsziel in Deutschland liegen wird. Nach vielem hin und her zwischen diversen Regionen ist meine Entscheidung auch dank der vielen positiven Berichte hier im Forum auf den Westweg gefallen. Das Konzept mit den Schutzhütten und dem mehr oder weniger legalen (zumindest wohlwollend tolerierten) Zelten daneben war einer der ausschlaggebenden Gründe. Mit auf die Tour durfte meine übliche Ausrüstung, nur das Duplex musste zu Hause bleiben. Stattdessen durfte mein frisch gebasteltes DCF-Tarp mitkommen, unterstützt von einem kleinen Lixada Mesh Zelt. Unterm Tarp hatte ich zuvor noch nicht geschlafen, dementsprechend nervös war ich, ob sich das ganze in der Praxis bewähren würde.

Am 16.08. geht es los mit dem Zug. Knapp 6 Stunden dauert die Fahrt nach Pforzheim - auch mit Maske ist die Bahn nicht schneller - wo ich mir noch einmal ein Hotelbett gönne bevor es auf die Lufti geht. Ohne Frühstück, Check-Out ab 6:30 Uhr. Mein Rucksack quengelt zwar rum dass er gleich auf den Trail möchte, aber ich sperre ihn im Hotelzimmer und gönne mir bei herrlichem Sommerwetter einen leckeren Burger im Biergarten vonHänsel und Gretel oder so ähnlich. Irgendeins von Grimms Märchen halt.

Tag 1: Montag - Pforzheim bis Kreuzlehütte, 38km

Den Schwarzwald kenne ich nur von der Autobahn aus und flüchtigen Blicken bei beruflichen Terminen. Wald und Hügel ist was ich im Kopf habe, und dementsprechend erwarte ich als Alpenwanderer keine besonderen Herausforderungen. Pünktlich um 6:30 tausche ich an der Rezeption meinen Zimmerschlüssel gegen die Rechnung, hole mir in der Bäckerei gleich daneben ein Schokocroissant und eine Latte Macchiato sowie ein nicht ganz definierbares Gebäckteil mit Speck und Zwiebeln und mache mich auf den Weg zur Goldenen Pforte. Das dauert länger als geplant, denn ein Einheimischer beim Gassigehen mit dem Hund identifiziert mich sofort als Westweg-Wanderer und erzählt mir Schwänke von Touren aus seiner Jugendzeit. So ist es dann schon halb acht bis ich mein Beweis-Selfie an der Pforte fotografiere und den steinigen Waldpfad betrete. Leider ist nur das erste Stück so wild, schnell lande ich dann auf einem Forstweg. Dann geht es aber auch schon wieder zum Wasser runter. Das ist perfekt zum Einlaufen, denn die paar Steigungen sind kurz und moderat, es ist noch angenehm kühl am Morgen, es riecht nach Wald und es gibt immer wieder etwas zu sehen. Genauen Etappenplan habe ich keinen, und so sinniere ich nebenbei darüber, wie weit es heute gehen könnte und erschrecke mich mindestens genauso wie das Reh, das plötzlich kurz vor mir auf dem Weg steht. Ein paar Tage später werde ich erfahren, dass das Reh auch am Nachmittag auf dem Weg steht und wieder genauso erschrickt.

Als ich Richtung Neuenbürg komme gibt es zum ersten Mal so etwas wie den Ansatz von Aussicht zu erhaschen.

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Dann führt der Weg über eine asphaltierte Treppe in den Ort hinunter, wo ich zum ersten Mal genauer schauen muss, um die rote Raute nicht aus den Augen zu verlieren. Nach dem Ort gibt es wieder Wasser zu sehen.

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Ich habe noch etwas im Hinterkopf von einer kuriosen Brücke, und tatsächlich, da ist sie auch schon.

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Was ich langsam merke ist, dass es immer mehr auf und ab geht. Ein längerer Anstieg führt mich hoch zur Ruine einer alten Burg mit Efeu-überrankten Mauern und praktischerweise auch einem Brunnen, an dem ich mein lauwarmes Wasser gegen frisches, kühles tausche.

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Auf dem weiteren Weg gibt es allerlei kurioses am Wegesrand zu sehen. Corona scheint viele inspiriert zu haben, ihre eigene Form der Ermunterung auszudrücken, und so gibt es immer wieder Schilder und bemalte Steine zu bewundern.

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Entgegen meiner Erwartungen sind deshalb auch die breiten Waldwege erstaunlich kurzweilig, und bevor ich mich versehe ist es 13:00 Uhr und ich trudle voller Erwartung auf ein leckeres Mittagessen in Dobel ein.

Nun, die traurige Wahrheit ist, am Montag hat Dobel Ruhetag. Selbst der Bäcker und der Metzger. Die Hotels und Gaststätten, die keinen Ruhetag haben, haben Betriebsurlaub oder generell wegen Corona geschlossen.

Mein Speck-Zwiebel-Irgendwas rettet mich aber, und in der Kurhaus-Toilette fülle ich mein Wasser auf.

Immerhin, es geht jetzt höher hinauf und andere Schwarzwald-Erhebungen werden sichtbar. Der Himmel ist blau und mit dekorativen Wolken gespickt. Es ist warm, aber nicht zu heiß, eigentlich perfekt. Ich bin froh um die Gamaschen (Via Sock-It), die keinen Sand oder anderes Kleinzeug in die Schuhe lassen, und die Beine laufen willig dahin. Meine Mundwinkel werden unwillkürlich nach oben gezogen. Ich komme in den Flow.

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Langsam nähert sich der Abend, und ich sollte mir eine Unterkunft suchen. In der Kompass-Klappkarte sind Hütten markiert, und im heruntergeladenen GPS-Track sollten auch alle verzeichnet sein. Also habe ich keine Eile, schlendere gemütlich weiter und halte die Augen offen. So einfach ist es, stelle ich dann fest, aber doch nicht. Die erste Hütte ist verrammelt, die zweite auch, der einzige gerade Flecken Boden unter der Traufkante. Ein Blick in den Wetterbericht kündigt für die Nacht ein Gewitter an. Was tun?

Ich komme gegen 19:00 Uhr an der Kreuzlehütte an. Die ist auch komplett verschlossen, aber nach ein wenig Überlegen entscheide ich mich, hier zu bleiben. Der Platz ist super schön, es gibt Bänke und Tische, die Hütte sollte das meiste an Wind abschirmen und es findet sich ein wunderbar ebener und etwas erhöhter und so hoffentlich trockener Platz vor der Tür für das Tarp.

Es gibt Abendessen, Hiker Style, Kartoffelpürree mit Röstzwiebeln und Croutons mit Cabanossi.

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Der Sonnenuntergang ist es wert, beobachtet zu werden, und die Wolken erzählen schon vorsichtig von dem nahenden Gewitter.

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Ich baue mein Tarp als A-Frame auf, montiere das Mesh Inner darunter, das wie hier im Forum schon zu lesen war einen durchaus körpernahen Schnitt hat, experimentiere noch ein wenig mit der CNOG als Gravity Filter herum bis es dunkel ist und kuschle mich dann rechtschaffend müde in den zu warmen Schlafsack.

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Fortsetzung folgt.

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Tag 2 - Dienstag, Kreuzlehütte bis Ochsenstall, 33km

Ich war letzte Nacht gerade ein wenig eingedöst - kurz nach Mitternacht, das heißt natürlich Hiker Midnight um 22:00 Uhr - als ein Auto vor die Hütte fuhr, jemand ausstieg, eine Runde um die Hütte lief, an den Klinken zog und dann noch wortlos einen Blick unter mein Tarp warf. Bevor ich richtig wach war, rollte das Auto auch schon wieder davon. Vermutlich nur eine Kontrolle, ob alles abgeschlossen war.

Eine Stunde später bin ich dann mit einem Schlag hell wach als ein lauter Donner die Stille zerreißt. Das angekündigte Gewitter ist da, erst mit leichtem Tröpfeln und Blitzen in sechs Kilometer Entfernung, dann mit einem richtigen Regenguss. Es schüttet, es plätschert wie verrückt von den Regenrinnen, und ein paar Windböhen fangen sich an der Kante des Tarps und blasen feinen Sprühregen bis zum Mesh und in mein Gesicht. Ich schäle mich aus meinem Kokon und prüfe schlaftrunken die Lage, dann stelle ich die Schnüre des Mesh neu ein und rutsche das Inner 10cm weiter nach hinten. So bleibe ich von beiden Seiten trocken, zur Sicherheit klemme ich aber noch die 2 Segmente Z-Lite, die ich als Sitz- und Kniekissen dabei habe als Windabweiser vor den Stock. 10 Minuten später hören die Blitze auf und der leichte, konstante Regen lullt mich in einen wunderbar tiefen Schlaf.

Meine erste Tarp-Nacht war erfolgreich. Ich wache ausgeruht auf, die Luft ist klar und die Nebelschwaden über den Wiesen im Sonnenaufgang sind die schönste Kulisse, die man zu einem entspannten Frühstück nur haben kann.

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Die erste Stunde vergeht wie im Flug, und dann bin ich auch schon am Holohsee, einem malerischen Moorsee auf fast 1000m Höhe.

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Auf einem hölzernen Steg geht es um den See herum. Infotafeln erläutern die Flora in einem nährstoffarmen Hochmoor und ich lerne das ein oder andere dazu.

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Dann erreiche ich das erste prominente Wahrzeichen der Tour, den Hohlohturm. Ein paar Tagestouristen haben schon den Weg hinauf gefunden, vermutlich vom gar nicht so weit gelegenen Parkplatz aus. Ich knabbere ein wenig Trailmix und genieße die Aussicht.

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Dann mache ich mich auf den langen Abstieg nach Forbach. Hier geht es wieder weg von den breiten Wegen und auf angenehm federnde, weiche Waldpfade.

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Um kurz nach 11 in Forbach angekommen stocke ich gleich meine Vorräte beim Netto neben dem Bahnhof auf. Natürlich kann ich der Versuchung nicht widerstehen und muss mir einen Cappuccino und eine Nussecke im dazugehörigen Bäckerei-Cafe gönnen. Nach den Erfahrungen in Dobel habe ich beschlossen, Nahrungsquellen nicht mehr leichtfertig auszulassen. Die Holzbrücke in Forbach sieht genau so urig aus wie auf dem Bild im Rother Wanderführer.

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Die ganzen Höhenmeter, die ich in den letzten 2 Stunden verloren habe, geht es jetzt wieder hinauf zur Badener Höhe. Ich hatte die An- und Abstiege im Vorfeld nicht so richtig ernst genommen, aber aus Forbach raus geht es gleich ganz schön zur Sache. Erst auf Kopfsteinpflaster, dann auf Asphalt geht es gleich relativ steil bergauf, und es wird heiß und schwül durch den Regen der Nacht. Schatten ist um die Uhrzeit natürlich Fehlanzeige. Immerhin haben die Anwohner dort Humor und lenken mich mit lustigen Bildern und Skulpturen am Wegesrand ein wenig ab.

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Ich komme unbeschadet an der Vampirkatze vorbei und atme erleichtert auf, als der Weg dann endlich Richtung Schwarzenbachtalsperre wieder waldiger und weicher wird.

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Ich erreichte die Badener Höhe mit dem Friedrichsturm und kann ernsthaft durchatmen. Jetzt geht es erst einmal eine Weile bergab, und ich kann meine Beine etwas ausschütteln.

Die Wolken verdichten sich jetzt über mir, und so langsam gibt es keinen Zweifel mehr, dass es bald feucht wird. In einer kurzen Pause stecke ich die Regenjacke obenauf in die Netztasche und bin dann gerüstet, als es beim Weg über den Hochkopf auf 1036m tatsächlich zu regnen beginnt. In Unterstmatt stelle ich mich eine halbe Stunde unter als es wie aus Kübeln schüttet, dann hört es so schnell wieder auf wie es angefangen hat und ich mache mich an den Aufstieg in Richtung Hornisgrinde.

Das Wanderheim Ochsenstall hat jeden Tag geöffnet, anders als der Rother Führer behauptet, der für heute einen Ruhetag drin stehen hat, weshalb ich noch nicht ganz sicher war, wie meine Nachtplanung aussehen wird. Über einen wunderschönen Steig geht es über Waldboden, Steine und Wurzeln hoch, und als ich die Tische und Bänke sehe, beschließe ich, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und frage nach einem Bett.

Der Frage wird erst mal mit Verwirrung begegnet, aber dann ist man total nett und hilfsbereit. Die Wandersaison hat hier wohl noch nicht richtig begonnen, so dass man gar nicht mit spontanen Gästen rechnet, aber ich bekomme ein Bett allein im Vierer-Zimmer. 32€ mit Frühstück und Dusche und eine Steckdose neben dem Fensterbrett, was will man mehr.

Bei einer riesigen und günstigen Portionen super leckerer Spaghetti Bolognese komme ich mit einer anderen (nicht UL) Westweg-Wanderin und einem, der die Fahrrad-Variante fährt ins Gespräch, und wir verbringen einen netten Abend draussen vor der Hütte, wobei ich immer wieder zu meiner Ausrüstung gelöchert werde und wohl die ein oder andere Inspiration hinterlasse, um in Zukunft leichter unterwegs zu sein.

Der Tag hatte um die 1300m Aufstieg dabei, und meine Füße freuen sich tierisch darüber, als ich endlich frisch geduscht in der Horizontalen bin.

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Fortsetzung folgt natürlich.

 

bearbeitet von BitPoet
Da hatte sich ein falsches Bild eingeschlichen...

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vor 22 Stunden schrieb Altes Mädel:

Die geschlossenen Hütten lassen ja leider nichts Gutes ahnen

Es gibt wohl Hütten und Hütten, wobei die Landkarten da nicht unterscheiden. Wenns ein Dach hat ist ein Hütten-Symbol in der Karte. Ich hätte auch einfach die Wiki-Seite zu den Hütten am Westweg von ODS runterladen können und vorher nachsehen.

vor 14 Stunden schrieb Backpackerin:

Bei uns soll es am 18./19. los gehen, falls nichts dazwischen kommt.

Ich drück die Daumen und wünsche euch ganz viel Spaß, ist auf alle Fälle eine Wanderung (oder mehrere) wert.

vor 11 Stunden schrieb Trekkerling:

Ich freue mich schon auf die Fortsetzung

Bestellt, geliefert ;-) Danke noch mal für die Infos im Vorfeld!

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Tag 3 - Mittwoch, Ochsenstall bis Hildahütte, 30km

Der Nachteil gemauerter Unterkünfte ist immer, dass es viel zu spät Frühstück gibt. So trödeln die Wanderin, der Radfahrer und ich schon unruhig im Gastraum auf und ab bis endlich kurz nach 7 die Rollos an der Theke hoch gehen und die erlösende Frage gestellt wird. "Kaffee?"

"Ja. Viel." Da sind wir uns einig. Hektisch werden Brötchen und Brote geschmiert, Müsli gemischt, Kaffeetassen gefüllt und alles auf der taufeuchten Bank draußen in den Bauch integriert. Man hätte sich Zeit lassen und es genießen können, aber der Berg ruft. Auch im Schwarzwald. Nach einem schnellen Abschied machen wir uns getrennt auf den Weg. Die ersten paar Höhenmeter nach dem Frühstück gehen immer ganz entspannt, aber schon als ich mich nach einer knappen Stunde dem Gipfel der Hornisgrinde nähere, wird klar, dass es heute verdammt warm werden wird. Da kann auch der Wind nicht drüber hinweg täuschen.

Eines lerne ich schön langsam: was dem Alpengipfel sein Kreuz, das ist dem Schwarzwaldhügel sein Windrad. Ein Sendemast darf natürlich auch nicht fehlen.

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Was es wirklich verdammt viel gibt sind Türme. Runde Türme, eckige Türme, hohe Türme und niedrige Türme. Ein eher kleinerer hier gehörte dem Herrn Bismarck, den wir alle aus den Geschichtsbüchern kennen, aber höher und optisch ansprechender ist der Hornisgrindeturm, den der Schwarzwaldverein 1910 gebaut hat.

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Übrigens habe ich keine Hornissen gesehen. Die Begriffe "Hornis" und "Grinde" sind relativ verbreitet, ersteres bedeutet aber wohl "Bergrücken," letzteres ist ein alter Begriff für Moorgebiete. Im Altbayerischen findet sich das Wort "Grint" für Schmutz und Matsch, und wenn etwas oder jemand sehr schmutzig ist, dann kann man auch schon mal das Adjektiv "grintig" verwenden. Ich finde das immer interessant, solche alten Wörter ein wenig zu zerlegen und die Entwicklung unserer Sprache und Dialekte etwas greifbarer zu erleben.

Jetzt geht es wieder ein Stück bergab, und als der Mummelsee so langsam in Sicht kommt, unterhalte ich mich ein wenig mit einem anderen Wanderer. M. [Name von der Redaktion gekürzt ;-)] ist ebenfalls leicht unterwegs und läuft längere Etappen. Wir ratschen ein wenig über Ausrüstung und Etappenplanung, aber am Mummelsee macht er einen kurzen Einkehrschwung, während ich den radfahrenden Bekannten vom Ochsenstall wieder treffe, der sich ein paar Mal verfranst hat und auch noch nicht weiter gekommen ist.

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Die Gegend um die Hornisgrinde und den Mummelsee ist überwiegend ein Skilanglaufrevier. Entsprechend sind die meisten Wege dort breit und gut befestigt. Ich mache schnell ein Foto vom Westweg-Tor, dann gehe ich weiter. Nach der Kreuzung wird gerade ein neuer Parkplatz für die Wintersportler gebaut, und es ist nicht so ganz klar, wo zwischen den ganzen Absperrbarken und umgepflügten Wegen mit "Zugang gesperrt" Schildern denn nun der Westweg lang läuft.

Ein Paar das ein paar Etappen des Westwegs läuft steht etwas ratlos am letzten Hinweisschild, der Radfahrer steht auch wieder hier, und weder das Navi noch die Karte sind eine große Hilfe. Es muss auf alle Fälle da hoch gehen. Das Paar war schon mal 150hm hoch gelaufen, ohne Navi und passende Wegweiser dann aber wieder umgekehrt. Ich biete an, uns schon alle zusammen wieder auf den Weg zu bringen und so laufen wir zu dritt hoch.

Der Pfad durch den Wald stellt sich doch als der falsche heraus, aber das ist nicht tragisch. Wo das Paar zuvor noch einem gelb markierten Weg ein paar Meter gefolgt ist, biegen wir auf die Bundesstraße ab. Nach 500m erreichen wir dann auch den kleinen Parkplatz, an dem der korrekte Weg hoch führt und biegen in Richtung des Skilifts ab. Die Sonne heizt jetzt kurz vor halb elf schon enorm, und ich bin heilfroh, als es nach der Piste wieder in den Wald geht.

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Das ganze Auf und Ab der Badener Höhe wird im Höhenprofil des Rother Wanderführers nicht deutlich, aber ich spüre es schon. Kurz vor dem Schliffkopf falle ich in ein kleines Hungerloch und vernichte zum ersten Mal ein paar handvoll Trailmix.

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Hier oben sind die Spuren der Orkane der letzten Jahrzehnte, allen voran Kyrill, noch deutlich zu sehen, ein Bild, das ich auch aus dem Bayerischen Wald und Böhmerwald sehr gut kenne. Nur ganz, ganz langsam erkämpft sich neues Baumwerk seinen Platz zwischen den Magerpflanzen auf den vom Wind geschliffenen Kuppen.

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Die Wege hier sind noch immer breiter als unbedingt nötig, und es fehlt ein wenig Schatten. Ich mache öfter kurze Pausen wenn ein solcher tatsächlich mal hergeht, und so komme ich schon relativ spät verglichen mit meiner Planung, gegen 15:00 Uhr, an der Alexanderschanze und damit dem Ziel der offiziellen Etappe 4 an. Das Hotel mit Gasthaus ist zu verlockend um weiter zu gehen, und auch wenn der Garten relativ voll ist und nichts schnell geht, muss hier ein großer (und empfehlenswerter) Salat mit Putenstreifen in meinem Bauch.

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Auch wenn der Weg jetzt flacher dahingeht komme ich nicht mehr so richtig vorwärts. Ich habe an der Schanze kein Wasser mehr aufgefüllt, dachte ich doch beim Blick in die Karte, dass am Weg noch mehrere Möglichkeiten zum Auffüllen kommen werden. Dem ist aber nicht so. Die Bäche sind alle ausgetrocknet, die zwei Quellen nicht zu finden. Ich mache Abstecher links und rechts und muss mich doch mit meinem knappen halben Liter begnügen. An der romantisch mitten im Wald gelegenen Hildahütte erkläre ich den Tag für beendet, rüste mich für ein (fast) Dry Camp und baue mein Setup in der Hütte auf, spanne das Mesh Tent an einem Balken und einem hinter die Bank geklemmten Wanderstock und plane die Etappe für morgen.

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Erst mal sammle ich aber Müll. Einen Sack voll deponiere ich hinter der Hütte, wo schon ein gefüllter gelber Sack liegt, einen halben werde ich noch mit meinem eigenen Müll ergänzen und am nächsten Mülleimer entsorgen.

Ein Auto fährt plötzlich an die Hütte, und ich werde etwas ruppig durchs offene Fenster gefragt, was ich hier mache. "Übernachten." Der Fahrer schaut mich kritisch an. Ich frage, ob das ein Problem sei, und mir wird erklärt, er wolle in der Nähe "Ansitzen". Ach so. Ich werde ohnehin leise sein und mich nicht mehr weit von der Hütte entfernen, versichere ich, und er fährt einen kleinen Seitenweg hinunter und parkt dort. Komischer Zeitgenosse.

Ich wäge gerade ab, ob ich noch Wasser für den Kaffee aufspare oder nicht, als M., mit dem ich mich zum Mummelsee runter unterhalten habe, zur Hütte kommt. Er will es auch für heute gut sein lassen, und noch besser, er hat nach seiner Einschätzung viel zu viel Wasser dabei! The Trail provides! Er hat einen dankbaren Abnehmer gefunden. Noch eine Wanderin biegt zur Hütte ab und stellt ihr Zelt auf. M. hat ein Lunar Solo, das mir gut gefällt und dessen Vor- und Nachteile passenderweise gerade hier im Forum diskutiert werden.

Wir köcheln unser Abendessen als auch noch ein Vater-Sohn-Gespann zu uns stößt und ein großes UH-Zelt errichtet.

Es scheppert plötzlich in der Hütte. "Eine Maus!" proklamiert die Wanderin. Ich schaue nach ob die etwa Schabernack mit meinen offen herumliegenden Sachen macht, aber was gescheppert hat war ein leerer Becher, mit dem das Tier von einem Balken gefallen ist, und das Tier ist definitiv keine Maus. Es dauert eine Sekunde, bis ich die Zuordnung im Kopf finde. Es ist ein Siebenschläfer, mit riesigen Glubschaugen, der mich völlig verwirrt von der Bank aus ansieht. Ich teile meine Erkenntnis, und der kleine klettert hastig einen Balken hoch und turnt in die Ecke. Ich versuche ein Foto zu schießen, aber er ist zu schnell und verschwindet in einem Winkel.

Von draußen höre ich verzückte Rufe, dass es sogar zwei sind. Tatsächlich spitzen zwei Paar Glubschaugen aus einem Loch unter dem Vordach. Die Tiere sind absolut putzig, und wirklich scheu ist etwas anderes. Mit Abendessen, Trail Talk und SIebenschläfer-Beobachtung vergeht die Zeit bis es dunkel wird wie im Flug, und pünktlich zur Hiker Midnight schlafen alle wie verrückt.

Die Mischung aus Beton, Silnylon-Boden und Uberlight passt nicht gut zusammen. Die Matte knarzt wie verrückt auf dem Nylon, und das ganze hallt viel zu laut, so dass ich mich selbst immer wieder aufwecke. Ich schlafe aber auch immer wieder ein, bis um halb fünf, denn da beschließen die Siebenschläfer fangen zu spielen und füllen die Hütte mit Getrappel und lautem Fiepen. Böse sein kann man ihnen natürlich beim besten Willen nicht.

 

Wie immer: Fortsetzung folgt...

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vor 10 Stunden schrieb BitPoet:

Ein Paar das ein paar Etappen des Westwegs läuft steht etwas ratlos am letzten Hinweisschild, der Radfahrer steht auch wieder hier, und weder das Navi noch die Karte sind eine große Hilfe. Es muss auf alle Fälle da hoch gehen. Das Paar war schon mal 150hm hoch gelaufen, ohne Navi und passende Wegweiser dann aber wieder umgekehrt. Ich biete an, uns schon alle zusammen wieder auf den Weg zu bringen und so laufen wir zu dritt hoch.

Der Pfad durch den Wald stellt sich doch als der falsche heraus, aber das ist nicht tragisch. Wo das Paar zuvor noch einem gelb markierten Weg ein paar Meter gefolgt ist, biegen wir auf die Bundesstraße ab. Nach 500m erreichen wir dann auch den kleinen Parkplatz, an dem der korrekte Weg hoch führt und biegen in Richtung des Skilifts ab.

An die Ecke kann ich mich von unserer letzten Schwarzwald-Wanderung entlang von Trekkingcamps erinnern. Wir hatten die Nacht unweit entfernt im Camp Seibelseckle verbracht und sind auch ein Stück entlang des Lifts hoch. Vom Parkplatz Seibelseckle gehen tatsächlich mehrere Wege hoch, die sich dann auch wieder treffen (Gaiskopfspur, Ölweg). War denn die Darmstädter Hütte nicht angeschrieben? Frei nach dem Motto: "viele Wege führen zur Darmstädter Hütte"

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vor 2 Minuten schrieb Backpackerin:

An die Ecke kann ich mich von unserer letzten Schwarzwald-Wanderung entlang von Trekkingcamps erinnern. Wir hatten die Nacht unweit entfernt im Camp Seibelseckle verbracht und sind auch ein Stück entlang des Lifts hoch. Vom Parkplatz Seibelseckle gehen tatsächlich mehrere Wege hoch, die sich dann auch wieder treffen (Gaiskopfspur, Ölweg). War denn die Darmstädter Hütte nicht angeschrieben? Frei nach dem Motto: "viele Wege führen zur Darmstädter Hütte"

Das Problem war, dass durch die Erweiterung des Parkplatzes die Wegweiser nicht mehr dort standen, wo die Wege abzweigten, und das GPS irgendwie auch nicht die richtige Peilung bekam. War aber wie geschrieben kein echtes Problem, denn an der Straße mussten wir ja nur den kurzen Schlenker machen um wieder on trail zu sein.

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vor einer Stunde schrieb BitPoet:

Das Problem war, dass durch die Erweiterung des Parkplatzes die Wegweiser nicht mehr dort standen, wo die Wege abzweigten, und das GPS irgendwie auch nicht die richtige Peilung bekam

Gut zu wissen, werde ich mir vormerken. Und vielleicht finde ich den Weg ja noch ohne Hilfestellung :)

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Tag 4 - Donnerstag, Hildahütte nach Hausach, 29km plus X

Um 4:30 Uhr wache ich auf, lausche den hyperaktiven Siebenschläfern und knabbere Erdnuss-M&Ms, die ich mir als Belohnung für die ersten 100km gegönnt habe. Nach und nach stecken auch M. und die Mitwanderin den Kopf aus dem Zelt, das Vater-Sohn-Duo hat gestern schon angekündigt, ausschlafen zu wollen. So versuche wir, beim Frühstück leise zu sein - das macht angesichts der Siebenschläfer nur begrenzt Sinn, aber was solls. Wir brechen zeitversetzt auf. Nach ein paar Kilometern auf breitem Forstweg kommen dann auch die ersten Brunnen, aber es tröpfelt nur spärlich bis gar nicht. Es ist etwas frischer als die letzten Tage, so kann ich die Beine laufen lassen ohne dass es mir zu warm wird. Es geht am Seeblick vorbei, und mir schwant, dass es etwas feucht werden könnte.

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Gerade als ich an der Lettstädter Hütte ankomme fängt es an zu tröpfeln. Meine Mitwanderin von der Hildahütte, die ich zwischendurch überholt habe, kommt kurz nach mir an. Wir schaffen es noch, unsere Flaschen am Brunnen aufzufüllen, dann fängt es an zu gießen. Vor der Hütte parkt ein Auto mit einem schlafendem Pärchen. Ein Radfahrer kommt auch noch an, M. trudelt ein wenig später ein, und wir knabbern eine halbe Stunde Trailmix und machen Smalltalk unter dem Dach während sich die Schleusen über uns richtig öffnen.

M. und ich stellen fest, dass wir so ziemlich das selbe Tempo laufen und fachsimpeln über leichte Ausrüstung und Wanderziele. An den berühmten Stühlen vor dem Harkhof sind wir wieder zu dritt.

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M. und ich beschließen, da wir ja gut in der Zeit liegen (es ist ein paar Minuten vor 11) im Harkhof ein zweites Frühstück einzuläuten. Mit Rührei mit Speck und anderen Leckereien lassen wir es uns eine Stunde gut gehen, bevor wir nichtsahnend die Etappe des Grauens betreten.

Das erste Stück durch den Wald ist noch ganz angenehm, und witzige Motorsägenakrobatik am Wegesrand lullt uns ein.

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Dann aber wird es wild. Plötzlich finden wir uns auf breiten, hart planierten Waldautobahnen. Riesige Lastwagen rasen vorbei und wirbeln kilometerlange Staubwolken auf. Es werden Windräder gebaut. Und wir schauen das erste Mal auf die Wegweiser und reiben uns die Augen. Vor dem Harkhof waren es 14,5km bis Hausach. Beim nächsten Wegweiser 13,5km. Jetzt, 2km weiter, sind es wieder 13,5km.

Zu unserem Unglück ist heute auch noch der heißeste Tag des Jahres. Die Temperatur ist auf Mittag hin auf 36°C hochgeklettert, und der Regen vom Morgen hängt wie feuchtes Blei in der Luft. Wir gehen und gehen. Hausach 12,5km. Ja. Nein. Hausach wieder 13,5km. Es wird und wird nicht weniger. Wir hatten unabhängig voneinander davon geträumt, um 15:30 in Hausach zu sein, uns in ein Cafe zu setzen und entspannt einen Cappuccino zu schlürfen. Hausach wieder 12,5km. Ich schaue immer wieder, dass ich definitiv nicht die Variante über den Brandenkopf nehme.

Irgenwann, nach Stunden, komme ich zur Hohenlochenhütte. Die kurze Rast im Schatten auf der Bank wird mir von Schwärmen von Wespen verwehrt, die Hütte selbst ist wegen Corona geschlossen, wie man lesen kann, aber immerhin gibt es endlich kaltes Wasser an der Quelle unterhalb der Hütte, und auf dem Wegweiser steht (ich sollte es doch jetzt besser wissen) Hausach 6,5km.

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Habe ich erwähnt dass es heiß ist? Ich mache nach wenigen Kilometern eine ausgedehnte Abkühlpause am Waldrand und versuche herauszufinden, wo ich gerade bin. Der Punkt liegt tatsächlich auf der Route, da sind sich der Track aus dem Internet und meine Kompass-Karte einig, aber die Entfernung, die ich tatsächlich seit der Hohenlochenhütte gelaufen bin, ist viel zu lang.

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Es geht natürlich so weiter. Hausauch, 4,5km. Hausach, 6,5km. Gibt es Hausach wirklich? Wenn jetzt auf einem Wegweiser was von Bielefeld steht, dann gehe ich keinen Schritt mehr weiter.

Immerhin, der Spitzfelsen gehört zum Weg.

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Kurz nach dem Spitzfelsen muss ich, trotz tausendmaliger Bemühung von GPS und Karte, einen falschen Abzweig erwischt haben. Es geht beschwingt bergab, bergab. Es wird 16:30, und die Luft kocht um mich herum. Meine Füße fangen an, zu protestieren. Aber es ist ja nur noch ein Kilometer bis Hausach. 500 Meter. Ich komme aus dem Wald raus und möchte Heulen.

Ich bin auf halbem Weg zwischen Hausach und Wolfach gelandet, an der Bundesstraße. Der einzige Weg nach Hausach sind 2,5km Radweg ohne Schatten.

Nächstes Mal kommt das InReach wieder mit, da funktioniert das GPS zumindest. Ich mache eine kurze Pause im spärlichen Schatten eines Strauches gleich neben der Straße, so bekomme ich wenigstens den Fahrtwind der Autos ab. Dann schleppe ich mich die letzte halbe Stunde nach Hausach, schwenke kurz zum DM um meinen Geruch mit einem Deo in Reisegröße halbwegs Gasthoftauglich zu machen, trinke eine Bio-Apfelschorle auf Ex und gehe die letzten Meter zum Gasthaus Blume.

Nie war eine Dusche schöner als nach 29 (38?) Kilometern nach Hausach.

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M. ist in der Eiche abgestiegen und gar nicht so lange vor mit angekommen. Auch er bekommt einen schmerzhaften Ausdruck wenn das Thema auf diese Etappe und die ganzen falschen Wegweiser und Extra-Kilometer kommt.

Frisch geduscht und nach einer Stärkung im Biergarten füllen wir noch unsere Vorräte auf - wir zahlen an verschiedenen Kassen, so wirkt es nicht ganz so komisch dass zwei heruntergekommene Gestalten jeweils Nescafe 3-in-1 und 5-Minuten-Terrine in der Sahnesoße-Variante und als Gulaschtopf kaufen.

Beim Abendessen in der Blume unterhalte ich mich mit J., einem Wiederholungstäter auf dem Westweg, der aber solche Dinge wie draußen schlafen oder 30km und mehr am Tag laufen völlig verrückt findet, was er regelmäßig betont. Gleichzeitig schwärmt er mir vor, dass Jörg Scheiderbauer den Westweg diesen Mai in unter 48 Stunden gelaufen ist...

Vollgestopft schleppe ich mich noch ein zweites Mal unter die Dusche, krame im Bett noch den (ja, ich gestehe, unnötiger Luxus pur) Kindle raus und schaffe es noch nicht mal, ein Buch auszuwählen bevor ich einschlafe.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

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Servus BitPoet, 

Richtig schöner Reisebericht! 

Bin grad am Kaffee trinken und lese dein Bericht, fühle mich wieder an den Westweg zurück versetzt (nur das ich jetzt 5 Meter zum Wasserhahn habe und keine 5 Liter 2 Kilometer an die Hildahütte schleppen brauche ;)

Freue mich auf die Fortsetzung! 

Gruß Manuel 

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vor 1 Stunde schrieb Manu84:

Richtig schöner Reisebericht! 

Bin grad am Kaffee trinken und lese dein Bericht, fühle mich wieder an den Westweg zurück versetzt (nur das ich jetzt 5 Meter zum Wasserhahn habe und keine 5 Liter 2 Kilometer an die Hildahütte schleppen brauche ;)

Freue mich auf die Fortsetzung! 

Danke! schön dass ich dich damit aktiv ins Forum locken konnte :-D Das Wasser an der Hildahütte war absolute Trail Magic.

Fortsetzung gibt es am Anfang der Woche, jetzt wird erst mal geweinwandert (weingewandert?) an der Saale!

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Am 8.9.2020 um 21:12 schrieb BitPoet:

Nächstes Mal kommt das InReach wieder mit, da funktioniert das GPS zumindest.

Ohje, das klingt ja frustrierend. Ich kenne das ja bei Aufstiegen. Jedes Mal wenn man denkt, nach der nächsten Kuppe ist man aber wirklich ganz oben, kommt der nächste Anstieg...

Ich hoffe ja, dass uns unser Gaia nicht irre führt. Seit 2016 haben wir die App und ich bin super zufrieden, braucht auch nicht viel Akku.
Sehr benutzerfreundlich bei der Tourenplanung am PC, man kann wichtige Wegpunkte mit Informationen hinterlegen usw usw.. Quellen, Hütten etc. sind von Haus aus schon hinterlegt. Es gibt auch noch die bezahlungspflichtige Version, aber keine Ahnung, was die dann noch alles können soll.

Danke für den tollen Reisebericht, liest sich ganz hervorragend!

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Tag 5 - Freitag, Hausach bis Brend, 32km

So schön es ist, nach dem Aufstehen zu duschen, so sehr juckt es mich in den Füßen. Die innere Uhr hat mich um halb sechs aus dem Bett gescheucht, und ich vertrete mir etwas die Füße während ich darauf warte, dass es Frühstück gibt - da bin ich dann auch pünktlich der erste. Ich beschränke mich auf leckere Marmelade, Käse, etwas Obst und Müsli, auch wenn noch das ein oder andere am Buffet liegt, das mich verlocken könnte - wenn da nicht die Zeit wäre. Es wird wieder ein heißer Tag, und ich will auch ein paar Kilometer machen. Etwas nach halb acht komme ich los und laufe durch ein gerade erwachendes Hausach, und es wird schon warm. Schnell schieße ich das obligatorische Selfie am Kinzigtaltor, tausche am Brunnen noch mein Leitungswasser gegen frisches Quellwasser und dann geht es bergauf.

Schon nach ein paar Metern erreiche ich die dekorative Ruine der Burg Husen.

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Es geht teilweise steil hinauf durch den Wald, und der Weg ist kurzweilig. Philosophisches und lustiges am Wegesrand lenkt mich von den Höhenmetern ab.

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Ich habe nicht erfahren, was Xenia und Oli genau vorhatten und wie es ihnen ergangen ist. Ob sie vorhatten so schnell oder weit zu laufen oder ob ihre Rucksäcke so schwer waren...

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Am Farrenkopf angekommen gibt es eine verdiente Trinkpause. Auf den letzten Metern ist es schon wieder drückend schwül geworden. Aber der erste lange Anstieg ist geschafft. Zwei jüngere Burschen gönnen sich zwei Nächte und einen entspannten Tag in der dortigen Hasemann-Hütte, und ab hier laufen @Manu84 und ich wieder zusammen weiter.

An der Büchereck-Hütte vorbei geht es in Richtung Karlstein. Dort war bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts ein Vierländereck zwischen Baden, Württemberg, Fürstenberg und Vorderösterreich. Die Aussicht ist nicht wirklich spektakulär, weshalb wir nicht lange oben bleiben, aber von unten hat der Stein durchaus etwas fotogenes.

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Kurz vor fünf sind wir am Ziel der offiziellen Etappe, der Wilhelmshöhe. Ganz langsam wird es wieder kühler. Während wir am Blindensee vorbei laufen beraten wir über die möglichen Nachtlager, und nach etwas Studium der Karten scheint der Brend eine gute Option zu sein.

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Auf dem Weg dorthin kommen wir am Kolmenhof vorbei, und der Hunger treibt uns natürlich hinein. Es ist rappelvoll, aber wir bekommen sogar einen Platz im freien - und merken schnell, warum. Neben uns herrscht reger Flugbetrieb von tausenden von Wespen. Aber was solls. Das leckere Essen verteidigen wir hartnäckig und erfolgreich, auch wenn die gestreiften Diebe zu gerne etwas von unserem Fleisch abbekommen oder unser Cola schlürfen würden.

Direkt neben dem Kolmenhof führt ein Wegweiser zur mehr oder weniger - nach Ansicht von Wikipedia eher weniger - offiziellen Donauquelle.

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Ich mache gleich mental einen Haken in meiner Liste von Flußquellen, die ich schon (überwiegend nichtsahnend) erwandert habe, und nachdem wir natürlich viel zu lange gesessen sind, machen wir uns auf die letzten Kilometer in Richtung Brend.

Es fängt schon an zu dämmern, als wir den Brend erreichen. Am Turm ist noch etwas los, und am Grillplatz stehen ein paar Zelte, Jugendliche (man verzeihe mir, wenn ich den Ausdruck auch für junge Menschen mit Autoführerschein verwende - ich bin über 40, ich darf das) haben hörbar Spaß und Autos kommen an und fahren wieder weg.

Wir bauen unsere Schlafplätze lieber auf der Wiese oberhalb auf um dem Trubel fern zu bleiben. Bis unsere Behausungen stehen ist es dunkel, und es dauert nicht lange, bis wir uns in unsere Schlafsäcke verkriechen. Um 23:00 Uhr verlässt der Großteil der Jugend den Grillplatz und es wird ruhig.

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Wie immer: Fortsetzung folgt...

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Tag 6 - Samstag, Brend bis Titisee, ca. 36km

Der Wetterbericht hat Regen vorhergesagt. Mit etwas Glück können wir noch in Ruhe frühstücken und schaffen es gerade so, unser Zeug zusammen zu packen bevor es nass wird. Es geht jetzt ein gutes Stück durch unschwer zu erkennenden Wirtschaftswald.

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Der nasse Wald hat seinen ganz eigenen Geruch, der ein wenig für das ungemütliche Ambiente entschädigt. Die Ausblicke halten sich diesen Morgen sehr in Grenzen, und immer wieder treiben tief hängende Wolkenstöcke über uns, begießen uns und blasen uns mit kalter Luft ab. Zwischendurch flüchten wir uns mal für 10 Minuten in eine Unterführung. Da ist es zwar nicht weniger zugig, aber immerhin trocken, und nach kurzem kommt auch mal ein Anflug von Sonnenschein und wir laufen weiter.

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Der nächste Abschnitt hat durchaus etwas zu bieten. Am Rand hat jemand die Baumstümpfe geschickt in Kunst verwandelt.

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Der Schwarzwald ist schon eine komische Ecke. Von weitem musste ich an ein etwas niedrig platziertes Storchennest denken, aber wie es scheint, wachsen hier die Bäume auch mal verkehrt herum.

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Wir lassen uns aber nicht anstecken und laufen mit den Füßen nach unten weiter. Es ist nicht mehr weit, dann kommen wir zur Kalten Herberge. Wir malen uns schon ein schönes zweites Frühstück aus. Kurz scheint es, als würde sich der Himmel lichten, aber als wir am Gasthaus ankommen, macht es seinem Namen alle Ehre. Nach der Hitze der letzten Tage fühlen sich die 14 Grad an wie arktische Kälte, und das Gasthaus hat gerade die Türe hinter den Übernachtungsgästen zugemacht und eigentlich gar nicht geöffnet. Wir erbetteln uns trotzdem zwei Tassen Kaffee, die wir im Nieselregen und Wind schlürfen während wir darauf hoffen, dass das Wetter schnell wieder besser wird.

Tatsächlich zeigt sich ab Mittag wieder immer mehr Blau am Himmel und wir können unsere Regenjacken weg packen. Der heutige Tag hat viele breite Waldwege zu bieten, die nicht unbedingt sanft zu unseren Füßen sind. Beide vernachlässigen wir ein wenig die Fußpflege während des Tages, was wir noch deutlich spüren werden.

Dazu kommt heute noch gutes Stück Umweg. Überall im Wald heulen die Motorsägen, und wir stehen plötzlich an rot-weißem Flatterband, das uns den Durchgang verwehrt. Wir kehren missmutig um und suchen uns eine Umleitung, nehmen noch ein Pärchen mit, das sonst auch bis zur Absperrung gelaufen wäre, und schlendern dem höchsten Punkt der Etappe, der Weißtannenhöhe, entgegen. Nicht dass wir diesen markanten Punkt als solchen erkannt hätten ohne das freundliche Hinweisschild. Ist ja auch geschickt eingefädelt, dass um die Weißtannenhöhe herum Birken stehen...

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Wir lassen uns aber nicht verwirren und machen uns auf den Weg hinunter zum Titisee. Ehrgeizige Pläne, heute bis Hinterzarten zu gehen, haben sich anhand der Umleitungen und diverser viel zu warmer Stellen an den Füßen mittlerweile verflüchtigt. Immerhin, ein Blick auf die Skisprungschanze ist uns vergönnt.

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Es gibt am Titisee zwei Campingplätze, und die sind gefühlt definitiv weit genug weg. War es uns morgens etwas kühl, ist uns jetzt wieder eher warm, und wir kämpfen uns die letzten Kilometer am See entlang über den Teer zum Camping Weiherhof.

Der Platz ist rappelvoll, aber der Herr an der Rezeption total nett. Wir haben die Wahl unsere Zelte auf den Terrassen oder direkt am See aufzustellen. Welch Frage! Eigentlich ist zwar kein Platz mehr, aber irgendwie quetschen wir uns auf den schmalen Rasenstreifen direkt an den Strand, bekommen sogar einen Gummihammer geborgt der uns viel Mühe und Nerven erspart, und checken dann ein. Eigentlich sind die Preise hier gesalzen, aber der nette Herr handelt sich selbst in atemberaubendem Tempo herunter, so dass wir nur noch da stehen und staunen können. Was wir dann zahlen müssen ist so unanständig wenig, dass ich es mich gar nicht hier zu schreiben traue.

Pünktlich zur Dämmerung sitzen wir im Garten des Bistro und futtern Pizza, strecken die Beine von uns und genießen die Annehmlichkeiten der Zivilisation. Morgen gibt es sogar frische Brötchen. Glamping pur.

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Wegetechnisch war das heute kein Hochgenuss, und das Wetter hat sich zum ersten Mal von seiner unattraktiven Seite gezeigt, aber langweilig war es nie.

 

Ihr habt es erraten: Fortsetzung folgt.

P.S.: Ich muss mich beeilen mit dem Bericht. So langsam verschwimmen die Details im Kopf immer mehr, und nicht alles wird durch die Fotos wieder gerade gerückt.

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Tag 7 - Sonntag, Titisee bis Krinnenhütte, 37km

Es ist schwer, vom Titisee loszukommen, denn er präsentiert sich zur Morgendämmerung von seiner besten Seite. Direkt vom Tarpeingang aus genieße ich kaffeeschlürfend den violett-roten Himmel. Rund herum schlummert noch alles, aber wer den Vogel hat, so früh aufzustehen, der fängt das Morgenrot, oder so.

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Wir bummeln etwas herum und bunkern noch frische Brötchen, die es erst ab 8 gibt, aber dann machen wir uns doch auf den Weg. Erst mal die nette Teerstrecke zurück, und dann zweigt der Weg etwas unansehnlich in die Hügel ab. Habe ich schon erwähnt, dass es am Westweg immer wieder etwas zu schmunzeln gibt?

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Uns ist allerdings nicht immer zum Schmunzeln. Die Feuchtigkeit von gestern haben wir, wie schon angemerkt, etwas zu sehr ignoriert, und sie hat sich in Form von Blasen gerächt. Bei mir nur eine, aber die ist an einer Stelle, an der ich noch nie eine hatte und sie stört mich, auch unter dem Pflaster. Wir gehen bei weitem nicht mehr so entspannt wie noch vor Tagen.

Es dauert auch nicht lange, bis die Motorsägen wieder durch den Wald hallen und uns der Durchgang verwehrt wird. An der einen Stelle haben wir noch Glück und können uns mangels Flatterband an einer Gruppe Waldarbeiter und ihren dieselbetriebenen Monstern vorbei quetschen, aber beim nächsten Mal werden wir schon lange zuvor gewarnt. Der Waldarbeiter ist des Westwegwanderers Balrog, und wir haben keinen Gandalf dabei also folgen wir brav den roten Pfeilen.

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Das Wetter ist sonnig, aber die Reste des schlechten Wetters treiben noch in Form von dunklen Wattebauschen über unsere Köpfe, und sobald es etwas höher hinauf geht wird es frisch. So ziehen wir denn auch etwas winddichtes an als wir dankend die Einladung zur Pause mit einem ganzen Schrank voller gekühlter Schorlen annehmen.

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Der Weg wird jetzt wieder etwas wilder, manchmal sogar felsig und matschig, und es geht mit neuer Motivation und etwas Vitamin I dem höchsten Punkt der Tour entgegen. Vorbei am Feldsee durch dichten Wald steigen wir hoch, begegnen dabei kurz einer Rangerin und kommen dann auf den Grübelsattel, wo uns der Zivilisationsschock voll trifft. Hunderte von Fußgängern strömen in beide Richtungen, und Radfahrer brettern uns gnadenlos entgegen. Wir machen drei Kreuzzeichen als wir endlich den Gipfel mit seinen hässlichen Funktürmen und Wetterwarten erreichen, schießen Beweisfotos und suchen uns schnell eine windgeschützte Stelle für eine kurze Rast. Im Wind ist es richtig, richtig ungemütlich, und so gehen wir dann doch nach kurzem wieder weiter in der Hoffnung, dass die St. Wilhelmer Hütte offen hat.

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Wir haben Glück und bekommen sogar nach einer Minute schon einen Sitzplatz im gestopft voll besetzten Biergarten. Die Kartoffelsuppe mit Würstchen ist ganz anders als erwartet aber trotzdem lecker, und die Bedienung super freundlich. Wir plaudern etwas mit zwei Mädels, die ein paar Etappen einer Westwegvariation als Hüttentour mit deutlich mehr Gepäck laufen, und dann geht es nach unten. Ich spüre langsam, dass ich wegen der Blase an der Zehe immer doof auftrete, was auf meine Knie geht.

Manu hatte von vorne herein geplant, am Montag wieder nach Hause zu fahren, und so trennen sich zwei Kilometer nach der Hütte unsere Wege. Ich laufe weiter in Richtung Wiedener Eck und lasse mich dann überraschen, was an Nächtigungsmöglichkeiten so kommt.

Unterwegs treffe ich ein Rudel Hirsche, das mich aus ca. 30 Metern interessiert beäugt. Natürlich bleiben die nur so lange ruhig stehen bis ich das Smartphone heraus geholt habe, dann trotten sie unaufgeregt in den Wald. Kurz danach laufe ich dann an der "Längesten Baumliege der Welt" vorbei, die rege besucht ist.

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Dann geht es nach Notschrei, und der Westweg führt mitten durch das Biathlonstadion, in dem die nordischen Kombinierer ihre Wettkämpfe austragen. Nicht gerade romantisch, und der Westweg ist ab hier eine breite, brettharte Kiesautobahn.

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Einen Kilometer weiter lockt mich aber dann das Schild "Wandercafe" auf die Balkonterasse des Touristenbüros neben dem Hotel. Bei leckerem selbstgebackenem Kuchen und erfrischender Apfelschorle quatsche ich ausgiebig und viel zu lange mit der Wirtin, die es irgendwann aus dem Chiemgau hierher verschlagen hat und die sich freut, einen heimischen Dialekt zu hören. Sie füllt mir auch noch meine Wasserflaschen auf, und dann geht es irgendwann doch weiter.

Raus aus dem touristischen Brennpunkt werden die Wege wieder schmäler und angenehmer. Es gibt wieder plätschernde Brunnen am Wegesrand, und ich fange langsam an, mich nach einem Schlafplatz umzusehen. Meine Beine und Füße protestieren immer mehr, aber der Ameisenhaufen, in den ein Teil der nächsten Hütte integriert ist, lässt mich weiter laufen.

Das Stück zum Wiedener macht einen weiten Bogen um die Linie, die meine Karte und mein Navi für den Westweg halten. Abkürzen geht nicht, denn der Pfad ist links und rechts mit Elektrozaun und Stacheldraht abgesteckt. Alle paar Meter erinnert mich ein Schild daran, dass der Wolf im Schwarzwald nichts zu suchen hat, und manchmal muss ich verdammt aufpassen, nicht am Stacheldraht hängen zu bleiben. Wer keine Wölfe mag, der mag wohl auch keine Westwegwanderer. Ich fühle mich sehr wölfisch unverstanden als ich so den Westweg entlang humple und genieße die Landschaft umso mehr. Und ja, so langsam wäre ein Schlafplatz ganz gut.

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Dann bin ich auch schon am Wiedener Eck und es gibt wieder einmal ein Beweisfoto am vergleichsweise unromantisch benamselten Wiedener Eck Tor. So langsam wird es spürbar Abend, und die Sonnenstrahl fallen flach und rötlich angehaucht durch die Bäume. Über und neben mir höre ich Vögel schreien, und ich bekomme erst einmal einen riesigen Schreck, als keine drei Meter vor mir ein Milan knapp über dem Boden im Slalom durch den Wald schießt. Ich bleibe kurz stehen, sehe noch mehr tollkühne Akrobatik von diesen beeindruckenden Vögeln und habe mehr als nur einen Gänsehautmoment.

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Es geht jetzt wieder bergauf in Richtung Belchen, aber auf dem Gipfel möchte ich nicht unbedingt schlafen, dafür geht der Wind da oben noch zu sehr. Meine Karte und ODS kennen aber eine Hütte mit Brunnen, und ich zweige nach einer knappen Stunde dankbar vom Westweg ab und laufe in der Dämmerung die letzten Meter zur Krinnenhütte.

Der Brunnen hat richtig Wasser, worüber ich mich erst mal tierisch freue. Die Hütte... nun ja. Rundum sind riesige Berge von Baumstämmen, Gras gibt es dafür keines mehr. Also muss ich wohl oder übel in der Hütte schlafen. Der Boden ist immerhin relativ gerade betoniert, auch wenn um die Hütte herum so einige olfaktorische Störungen weniger einladend sind. Beim Blick nach oben fühle ich kurz Panik, aber ich bin dann eine Minute ruhig, und als ich kein Summen höre, beschließe ich, es darauf ankommen zu lassen.

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Die Nacht ist nicht ganz entspannt. Der Brunnen plätschert laut, und das abfließende Wasser gluckst und gluckert wie verrückt. Es macht Geräusche, die einmal an das Gebrabbel von Menschen erinnern, einmal an irgendwelche Tiere, dann wieder Fahrzeuge... wenn es einigermaßen konstant wäre, dann könnte man sich ja daran gewöhnen, aber ich schrecke alle paar Minuten wieder auf und bin wach. Müde krame ich meine Kopfhöhrer heraus, fummle am Smartphone herum bis ich das Hörbuch "Wild" gefunden habe, nehme den Stecker in die Hand und denke, Mist, da war doch was.

Mein iPhone hat keine Klinkenbuchse! Ich werfe es dann aber doch nicht in den Wald, sondern baue mir einen kleinen Hügel aus Ausrüstungsteilen neben dem Kissen, so dass mein Ohr relativ nahe dran ist. Irgendwie funktioniert das sogar, und kurz nachdem Cheryl Strayed ihren zweiten Schuh in den Abgrund geworfen hat schlafe ich endlich ein.

 

Fortsetzung folgt... falls mich die Hornissen nicht nachts aufgefressen haben ;-)

bearbeitet von BitPoet
Eins der Fotos war nach unten gerutscht

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Tag 8 - Montag, Krinnenhütte bis Kandern, 33km

Das heimelige Ambiente der Krinnenhütte macht es mir leicht, einigermaßen frühzeitig aufzubrechen. Der Morgen ist wieder frisch, so dass es nichts macht, dass es relativ steil bergauf geht. Um viertel nach sieben bin ich schon oben und gehe erwartungsvoll in Richtung des Belchenhauses, in Gedanken schon an einem leckeren Cappuccino schlürfend. Ich sollte es doch mittlerweile besser wissen! Natürlich ist das Haus geschlossen. Am Snackautomat klebt ein Zettel "Automat kaputt, Techniker ist informiert". Ich packe mich gegen den kalten Wind in meine Regenjacke ein und koche mir aus trotz noch einen Kaffee.

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Immerhin wird die Luft für einen Moment klar genug, so dass ich in der Ferne die Schweizer Alpen sehen kann. Man merkt wieder, dass der Gipfel ein touristisches Ziel ist, denn hier gibt es sogar ein Geländer am Weg. Immerhin muss ich nicht auf einer Wanderautobahn laufen, und die kühle Luft ist angenehm nach den Hitzetagen.

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Es geht flott dahin, und pünktlich zum Mittagessen komme ich auf dem Blauen an. Es ist klar, was mich hier erwartet - ein wegen Renovierung gesperrtes Gasthaus. Es gibt auch nirgendwo Wasser, so dass ich wieder mal anfangen muss, damit zu hauszalten. Ich snacke ein wenig an meinen Salami-Sticks und laufe dann weiter, während eine Horde Paraglider auf den richtigen Wind wartet. Es wird sichtbar, dass ich mich dem südlichen Ende des Schwarzwalds nähere. Heute steht mir ein langer Abstieg bevor, denn zu den 600hm die ich heute schon abgestiegen bin kommen noch einmal 850.

Auch wenn sich nach einer Weile meine Beine wieder bemerkbar machen, bin ich noch guter Dinge. Es geht auf angenehmem Waldpfad hinunter, und ich liege gut in der Zeit. Am Wegesrand sind interessante Gebilde aus Stein zu sehen, Zeugnisse von wilden Zeiten, in denen die Kontinentalplatten Krieg führten und den Meeresboden in den Himmel hoben, in denen Eis und Schnee mit unaufhaltsamer Kraft die Erde veränderten und der Boden immer wieder wie von göttlichen Fäusten durchgeschüttelt wurde.

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Mein Vitamin-I-Vorrat ist leider aufgebraucht, als ich die nächste Hiobsbotschaft des Tages lese. Wieder ist der Westweg wegen Baumfällungen gesperrt. Eine Umleitung ist aber zumindest ausgeschildert. Nach einem ersten Stück, in dem ich überwiegend den Brennsesseln entkomme, finde ich mich natürlich auf harten, breiten Wegen, und der monotone Schritt macht mich langsam fertig.

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Mehr und mehr formt sich der Entschluss, nicht wie geplant nach Wollbach zu laufen. Ein Blick ins Internet sagt mir, dass es in Kandern einen Campingplatz gibt. Die Ruine Sausenburg hätte sicher ein gutes Photomotiv abgegeben, aber ich will nur noch ankommen. Mittlerweile ist der Schmerz in mein Knie hoch gezogen, und ich weiß aus Erfahrung, dass das kein gutes Zeichen ist.

An der ein oder anderen Bank am Wegesrand kann ich nicht vorbei laufen. Immerhin lerne ich, dass ich mich gerade an der Hauptrand-Verwerfung befinde. Schemenhaft erinnere ich mich an den Erdkunde-Unterricht vor 35 Jahren als es um den Rheinischen Grabenbruch ging.

Gegen 17:00 Uhr komme ich in Kandern an, einem netten Städtchen, in dessen Gastronomie die Corona-Krise ihre Spuren hinterlassen hat, wie die Schilder an den Lokalen bezeugen. Am Stadtplatz zieht es mich magisch in den Garten eines Eiscafes, und während Cafe Latte, ein Tiramisu und eine Apfelschorle mein Kaloriendefizit bekämpfen strecke ich die Beine von mir und atme durch.

Die 2km bis zum Campingplatz sind dann auch kein Problem mehr. Der Platz ist sauber und ordentlich, im Vergleich zu dem am Titisee relativ winzig, aber es ist günstig, Duschen sind inklusive und die Eigentümer nett. Mein Tarp erntet viele interessierte Blicke von den Wohnwagencampern. Eigentlich war der Plan, erst am Ende des Westwegs einen Pausentag einzulegen, aber mein Körper hat meinen Starrsinn überstimmt. Ich bleibe zwei Nächte hier, lasse meine Sachen waschen und erledige in Ruhe ein paar kleinere Besorgungen.

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See gibt es hier keinen. Ich könnte mit rechtzeitiger Anmeldung ins Freibad nebenan, aber ich stelle fest, dass ich unheimlich effizient einen ganzen Tag lang nichts (oder fast nichts) tun kann, ohne mich dabei zu langweilen.

Wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann nur die Taube. Die sitzt 30 Meter entfernt im Baum und gurrt fast den ganzen Tag - und das ist weder Quatsch noch Übertreibung - wirklich fast den ganzen Tag lang den Refrain von Hubert Kahs "Sternenhimmel". Am Ende meines Pausentags habe ich den schlimmsten Ohrwurm meines Lebens. Immerhin hält das Tier endlich die Klappe als es dunkel wird.

Ich trockne meine Wäsche, die Coronabedingt kontaktfrei in die Waschmaschine gewandert ist - ich durfte allein in die Waschküche und meine Wäsche in die Maschine legen, das Zumachen, mit Waschmittel befüllen und Einschalten war dann Sache der Platzbesitzerin. Eine wichtige Erkenntnis: die extra-Schnur im Gepäck hat sich schon bezahlt gemacht.

Meine Powerbank bekomme ich für einsfuchzig im Kiosk geladen.

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Am Pausentag ist starker Wind vorhergesagt, aber ich spüre nichts davon. Also laufe ich in Reserve-Shorts (nein, ihr müsst es nicht sagen!) und T-Shirt in die Stadt während der Rest auf der Leine trocknet und kaufe Vitamin I, Kaffee und etwas Obst. Natürlich kommt der Wind genau dann, allerdings auch aus anderer Richtung als vorhergesagt, so dass er genau ins Tarp bläst.

Eine meiner Versuchsösen aus DCF (die an der Ecke im Vordergrund im Bild oben) zieht es mir dabei aus der Verklebung - der Großteil der Abspanner ist aus Gurtband das auf die Verstärkung aufgenäht ist, aber ich wollte auch die reine DCF-Variante testen. Ich habe aber noch einen DCF-Flicken dabei und klebe sie wieder Fest nachdem ich sie richtig sauber gemacht habe. Vermutlich habe ich beim ersten Mal nicht ganz sauber gearbeitet, denn die neue Verklebung hält schon nach wenigen Minuten bombenfest. Der Wind bläst noch eine halbe Stunde mit Böen bis etwas über 50km/h, dann wird es wieder ruhiger.

Ich schlafe tief und fest. Mitterweile ist auch das letzte Gefühl von ungewohntem Verschwunden, wenn ich mich auf der Isomatte ausstrecke. Den Schlafsack werfe ich wieder wie einen Quilt über mich und genieße beim Einschlafen den Geruch von Gras und Sträuchern.

 

Fortsetzung folgt...

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Am 20.9.2020 um 16:26 schrieb BitPoet:

Wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann nur die Taube. Die sitzt 30 Meter entfernt im Baum und gurrt fast den ganzen Tag - und das ist weder Quatsch noch Übertreibung - wirklich fast den ganzen Tag lang den Refrain von Hubert Kahs "Sternenhimmel". Am Ende meines Pausentags habe ich den schlimmsten Ohrwurm meines Lebens. Immerhin hält das Tier endlich die Klappe als es dunkel wird.

Warum muss ich nur an "Drei weiße Tauben" von der EAV denken? :grin:

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