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Ultraleicht Trekking
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israel national trail dezember/januar

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prolog

irgendwie fühlte sich die vorbereitung für diesen thru, gar nicht so wirklich nach vorbereitung an - kaum den ersten thruhike absolviert, schon pro? - naja, vielmehr lag es an dem kongenialen tapatalk-forum zum israel national trail. vorbereitung hiess demnach viel copy und paste, ein paar downloads und ein paar biere mit menschen trinken die shvil- und oder israelerfahren sind. das wars aber auch schon.

die packliste bedurfte einiger umstellungen, ersten weil das wetter in auf dem, seit dem oktober 2019 noch einmal um ca 100km verlängerten, 1053km langen israel national trail im winter zwei geteilt ist... im norden bzw. bis zur wüste, kalt und viel regen, im süden wärmer und kein regen - so die klimadaten. und zweitens weil ich diesmal nicht alleine unterwegs war. ich wander gemeinsam mit meiner freundin. ihr erster thru, mein erster mit jemandem zusammen... etwa 3600gr bw für den norden. für den süden kommen ca. 350gr regenschutz raus... so die idee. schon mal vorweg: blöde idee. 

eine andere blöde idee, war es dem rat eines befreundeten paares zu folgen und die red alert app - ein raktenwarnsystem - z instalieren... absurderweise ist sie im app store zwischen kriegsspielsimulationen einsortiert und eröffnet uns nach installation, dass im kibbutz dan, dem startpunkt des trails, gestern raketenalarm ausgelöst wurde - mehr infos gabs nicht... das hat uns total kirre gemacht. wir haben die app wieder gelöscht. allen isreaelis den wir unterwegs diese storie erzählten pflichteten uns bei. soviel dazu....

am 24.12. stiegen wir um undankbare 6.45 in den flieger. kamen in einem sonnig warmen tel aviv an und waren der überzeugung alles richtig gemacht zu haben, sagte der wetterbericht doch was anderes vor. aber wettervorhersage und realität - das sind ja auch manchmal zwei paar schuhe. der optimismus gewürzt mit einer prise naivität liess uns die sonnenbrillen auspacken. ein paar erledigungen noch, gas-kartusche, sim-karte dies das, wetterbericht checken... der morgen solls los gehn und morgen ziehen regen- und kaltfront über den kompletten norden und zentralisrael. ätzend. und was nun? wir verlängern noch um einen tag in tel aviv und planen am 26. loszulaufen... stur wie wir sind. (natürlich haben wir zuvor für anderthalb tage die möglichkeiten abgewogen) also der 26. und die ersten tage greifen wir auf die kongeniale insitution von trail angels zurück... 

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Militärstützpunkt irgendwo, dauern gehen die Sirenen, ich frage einen Israeli, wieso da dauernd die Sirenen heulen, ob vielleicht etwas los sei? Er antwortet, der Stützpunkt sei von der Luftwaffe, deshalb würden hier die Sirenen automatisch bei jeder Luftraumverletzung losgehen, angezeigt würden Vorfälle entlang jeder Grenze, um ganz Israel.

Die meisten Alarme würden aber momentan von Adlern ausgelöst, es gäbe Sensoren, die automatisch Meldung machten. Offensichtlich halten sich diese frechen Adler nicht an ihre Horststandort Nationalität. 

Red Allert hatte ich auch installiert, es zeigte duzende von Vorfällen jeden Tag, überall. Schlauere App konnte ich nicht finden, rasch wieder gelöscht. 

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...weiter gehts...

 

Der Finger - Regen, Matsch und die Kälte

Der zentrale Busbahnhof Tel Avivs ist ein Meisterwerk und Monster des Brutalismus von Ram Karmi, über 30 Jahre Bauzeit, bürokratischer Irrsinn aus sieben Etagen- ein dystopisches Raumschiff aus Beton und roten Kacheln das mitten in der Stadt gelandet ist und riesige Arme ins Viertel geschlagen hat. Es riecht nach Desinfektionsmittel und Urin. Neonlicht und Ramschwaren. Die klaren Linien kaschieren halbherzig den konfusen Aufbau. Wir waren bereits am Vortag zum Probeverlaufen da, somit wissen wir welcher der vielen Eingänge unserer ist, wo unser Bus abfährt und viel wichtiger, wie wir über das offene Gewirr von Etagen, Emporen, Treppen und Rolltreppen zu unserem Bus kommen.

Wir erreichen den 845er nach Kirjat Schmona kurz vor Abfahrt und etwa drei Stunden später stehen dort bei Ankunft etwas verwirrt rum, finden eher zufällig unseren Bus zum Kibbutz Dan. Es regnet gerade nicht - entgegen der gesamten Fahrt, die immer wieder durchsetzt war von Nieselregen und Wolkenbrüchen - der Himmel sieht spektakulär aus, Wolken unterschiedlicher Farben und Formen haben sich Zusammengeschoben, wir kleben an der Fensterscheibe, die ersten Trailmarkierungen. Aufregung.

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Um 13h stehen wir am Trailhead. Recht spät, aber heute stehen nur kurze 13 Kilometer bis Metula zu einem Trail Angel an. Dan. Einer von vielen auf einer unglaublich langen Liste von Menschen, die in Bett, Dusche, Handyaufladen, manchmal was zu Essen, eine Waschmaschine für INT-hikende bereitstellen. Einfach so, wie es scheint. Whatsapp und meistens „i am glad to host you“ als Antwort bekommen. Bevor es los geht noch die obligatorischen ikonographischen Trailhead-Fotos, drei Mal tief durchatmen, zwei doofe Sprüche. Wir laufen los und es fängt leicht an zu regnen. Der Weg ist gefällig. Zunächst Obstplantagen, später Weiden. Der Golan verschwindet in Wolken, die Hügel des Süd-Libanon hängen in Wolkenfetzen... die Sonne bricht immer mal raus und taucht vor dem bleischweren Himmel alles in eine irrwitzige Szenerie. Drüber spannt sich ein Regenbogen auf.

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Wir stehen nach drei Kilometer vor der ersten Flussüberquerung. Nur, die Regenfälle der letzten Tage haben den Bach unpassierbar anschwellen lassen: Direkt mit knietiefem Einstieg und nach zweidrittel der Strecke einer Art Stufe im Bachbett, die es für meine 20 Zentimeter kürzere Freundin durchaus hüfttiefes durchwaten gehießen hätte, bei 10 Grad. Vielleicht erstmal eingrooven, bevor wir voll ins Abenteuer starten. Wir sind noch keine Stunde unterwegs... morgen vielleicht. Also begeben wir uns auf die Suche nach einer Stelle wo wir rüberkommen. Etwa eine Stunde später und nur wadentief und nur wenige Schritte breit - und sind wir auf der anderen Seite. Dafür wurde von meiner Mitwanderin der erste Schakal gesichtet.

Am Nahal Snir Nationalpark gekommen stehen wir vor verschlossenen Türen. Der Trail geht durch den Park, dieser hat Öffnungszeiten und kostet Eintritt. Hm, außerhalb der Öffnungszeiten. Wir umlaufen also den Park. A. schlägt sich damit rum, dass ihre Schuhe voller Wasser sind, GTX ohne Drainage jeder Schritt quatscht...

Richtung Mayan Baruch, die Berge vor uns hängen in bleigrauen Wolken, die dumpf Grollen. Genau in die Richtung wollen wir. Der Weg ist aus tiefrotem Matsch, der binnen Minuten unsere Füße zu tonnenschweren Wanderstiefeln verwandeln. Wir erreichen eine Straße, es fängt an zu regnen, wir sind kurz vor Metula... es fängt an zu schütten... klatschnass, ziemlich verdreckt geben ir die traurige Variante von Hikertrash ab.. Nichts destotrotz halten wir auf doof den Daumen raus. Es nimmt tatsächlich jemand mit. Und er will uns einfach zu unserem Trail Angel Dan fahren, statt uns an der entsprechenden Kreuzung rauszuwerfen. Wir gurken ersteinmal etwas in der Gegend herum, weil unser Schlafplatz, wie sich heraus stellt eine Schafsfarm ausserhalb von Metula ist, der Weg führt über abenteuerliche Feldwege, die teilweise überspült sind, wir jedes Mal unseren Fahrer daraufhinweisen, dass es völlig okay sei uns hier raus zulassen, da er uns schon einen riesen gefalen getan haben und wir jedes Mal ein ruhig lächelndes „It's Okay. Don't Worry“ zur Antwort bekommen. Wir kommen an, hinterlassen Dreck und nasse Sitze für die wir uns mit schlechtem Gewissen entschuldigen. „It's Okay. Don't Worry. It's just Water. Welcome to Israel“

Dan heißt uns willkommen. Auf seinem Profilbild sieht er aus wie ein Hustler, jetzt mit schwarzen vermatschten Gummistiefel, zwei großen Eimern voller Futter und einer Knarre am Gurt, begeleitet von zwei großen weißen Hütehunden, sieht er aus wie Landwirt mit Knarre. Es irritiert uns, aber verunsichert uns nicht. Er zeigt uns unseren Schlafplatz, die Toilette macht uns Feuer in einem riesigen Kanonenofen. Die Katze Sunul – benannt, nach der Tankstelle auf der Dan sie fand, hüpft frech auf uns herum, wir legen unsere Füsse, Schuhe, Socken und unser Brot auf den Ofen. Wetterleuchten über dem Libanon, Schkale heulen, Schafe blöken... unsere erste Nachton trail.

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Die Nacht bricht ein Unwetter rein, es regnet zehn Stunden, es hämmert auf unser Dach, es donnert und unser Schlafcontainer wird immer wieder taghell erleuchtet. Am näxten morgen hängen die Wolken tief über den Bergen und den Obstbäumen. In Begleitung der beiden Hunde laufen wir zwei Kilometer zurück auf den Trail. Ob der morgendlichen Kälte hat sich unsere Morgenroutine auf das wesentliche Beschränkt: Kaffee, Tee, Zähneputzen, Taschenlampe verlieren (was aber erst am abend merke). In Kfar Giladi sind wir etwas warm gelaufen und holen uns ein kleines Frühstück und etwas frisches Obst. Da heute wieder möglicherweise Bachläufe überquert werden müssen und eingedenk dessen was die Nacht runter kam, haben wir uns für Nummer sicher entschieden und laufen näher oberhalb von Kyrjat Shmona um nicht wieder vor unpassierbaren Bachläufen zu stehen. Der Ausblick ins HaHula Tal war weit, verlor sich in tiefhängenden Wolken, der Golan blieb eine vage Ahnung und die Höhenzüge der Naftali Mountains verschwinden auch in den Wolken, eine Stunde später können wir keine 50 Meter weit sehen und es regnet. Der Himmel bricht wieder auf, verwunschen hängen Wolkenfetzen im Tal und am Golan fest. Kurz vor Ramon Naftali - unserem Etappenende- bekommen wir Sonne ab und etwas blauen Himmel. Es ist verrückt. Wir haben wieder unsere Matschboots an und quälen uns über den Trail.

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Den Wadi Quedesh skippen wir, der Trail und der versicherte Steig stehen halb unter Wasser und der Trail ist matschige Schmierseife. Wir umlaufen das Ganze auf der Straße - pretty roadwalk- , kommen in Ramot Naftali an, warten darauf dass unser Trail Angel Uri seinen Mittagsschlaf beendet hat und uns einsammelt. Baba Ganoush an der Bushaltestelle und leichtes frösteln.

Uri, in seinen 60ern und einen feuernden Merkava als Whatsapp-Profilbild, wirkt jung, graumeliert und ein freundliches Gesicht strahlt eine weiche Ruhe aus. Er bringt uns in den dorfeigenen Schlafraum für shvil-hiker, der alte Kindergarten. Irgendwie ist Uri mit der Situation unzufrieden, die Heizung ist kaputt, der Raum ist kalt, aber wir sind super happy, es gibt eine heiße Dusche, eine kleine Küche, Schlafgelegenheiten... aber scheinbar stellt ihn unsere selbstgenügsame Zufriedenheit selber nicht zufrieden, zudem wir alle Angebote ob wir noch was bräuchten mit einem Lächeln verneinen: es ist trocken und es gibt eine heiße Dusche!

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„Okay. We have to do some thing drastic“ er nimmt uns kurz entschlossen mit zu sich nach Hause und läd uns noch zum Essen ein. Seine Tochter mit Kindern ist da, es ist Chanukka.

Aber hallo ist Chanukka: ein Queensize-Bed, ein eigenes Zimmer, Heizung, Regendusche... wir sind hin und weg.

Das Abendessen ist grandios, die Familie unglaublich herzlich und freundlich. Die Gespräche anregend. Der äußerste Norden Israels eingeklemmt zwischen Golan, dem Libanon nördlich des See Genezareth wird in Israel „der Finger“ genannt, Uri ist den shvil bereits vor Jahrzehnten selber gelaufen, kennen nun den Unterschied zwischen Kibbutz und Moschaw, wie die Familie es Chanukka und Waldorfpädagogik hält und vieles mehr.

Wir rollen rundgefuttert ins Bett und sind bereits jetzt tiefbeeindruckt von der herzlichen Gastfreundschaft, die uns bereits von unterschiedlicher Seite angekündigt wurde.

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Über den Agamon Hula Aussichtspunkt kommen wir morgens wieder zurück auf den Trail. Das Tal ist ... wolkenverhangen. Es nieselt. Der Trail baut uns binnen kurzer Zeit Matsch-Highheels, die das Laufen erschweren. Dafür ein schöner Singletrail, leicht geschwungen den Hang entlang. Im Unterholz des Buschwerks kracht es immer wieder und dann sehen wird den Grund, eine ganze Rotte Wildschweine bricht in sicherer Entfernung hervor. Acht, neun, zehn Tiere zählen wir. Neuland für uns beide. Der Aufstieg auf den Keren Naftali ist erstaunlich anstrengend, der Wind bläst eisig, die Aussicht läd‘ nicht zum verweilen an, also wieder absteigen bzw. schliddern. So geht das die nexten Kilometer weiter- bis zum Wadi Dishon.

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In dem Tal durchqueren wir den Dishon fünf Mal, die Füße sind wenigstens nicht mehr matischig. Das Tal ist wunderschön, der Regen hat die Felsen schwarzgewaschen, Wolken hängen an den Hängen - wenn nicht Shabbat gewesen wäre: Myriaden von 4x4 Vehikeln bewegen sich auch durch das Tal.

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Ungefähr auf der Hälfte des Wadis wird eben jener durch eine Straße unterbrochen, statt dem Flussverlauf weiter zu folgen, umlaufen wir den weiteren Teil des Trails, unsere Füße sind nass und eiskalt und riesige Matschklumpen hängen an unseren Füssen. Also laufen wir auf der 886 Richtung Alma, unterwegs sammeln uns einen handvoll Quadfahrer auf und schmeißen uns an der Rihanyia-Kreuzung raus und wir laufen weiter zur 899 und hoffen da wieder auf den Trail zu kommen... der ist nur eingezäunt. Also weiter an der Strasse entlang. Wir finden wieder Zugang und binnen Minuten haben wir wieder dicke Matschplacken an den Sohlen -tendenziell genervt schlurfen wir zurück auf die Strasse... Nach zwei weiteren Kilometern haben wir keinen Bock mehr und halten den Daumen raus. Ein dicker und sehr sauberer Jeep mit vier Stangen Camels mit libanesischen Steuerbanderolen, zwei Fußballschals und einem schweren Moschusgeruch sammelt uns ein und mit Händen und weniger den Füssen, dafür mit google maps und translate schaffen wir verständlich zu machen was uns hilft: Tziv‘on Junction. Passt. Da stehen wir. Es ist drei Uhr irgendwas und unsere Trail Angel im Kibbutz haben erst ab 19h Zeit. Uri hat uns empfohlen, wenn wir eh in der Ecke sind nach Gush Halav zu gehen- ein arabisch-christliches Dorf, es sei schön weihnachtlich geschmückt und die Geschäfte und Gastronomien haben geöffnet – vor ersterem sind wir geflohen, Letzteres! Es ist mega kalt. Wir laufen ein Stück die Straße entlang, weil der Blick auf den Mt. Meron - dem höchsten Berg des Trails- ziemlich beeindruckend ist in der tiefstehenden Sonne...- dann haben wir keinen Bock mehr und hängen den Daumen raus. In Gush Halav füllen wir unsere Vorräte auf, trinken Tee im warmen, warten und planen den nexten Tag - immer mit beiden Augen kritisch auf die Wettervorhersage: „rain“ und „unseasonably cold“ sind die beiden Stichwörter die uns seit unserem loslaufen begleiten - und to be honest: bis zu unserem letzten Tag on trail (und in israel) begleiten sollen. Nahal Meron soll bei schlechtem Wetter tricky sein, sagt das www, sagt insta... wir basteln einen Plan B. So gehen 18 brechen wir auf - roadwalk im Dunkeln nach Tzvi’on. Wir sind keine Viertelstunde unterwegs, da fährt ein Auto an uns vorbei, verlangsamt, fährt weiter und fährt auf einen Schotterparkplatz in Sichtweite und der Fahrer steigt aus uns fängt an Dinge von der Rückbank in den Kofferraum zu räumen... for no reason- es ist dunkel, es nieselt, es ist saukalt- natürlich for a reason: wir! Wir je näher wir uns dem Auto nähern umso mehr ziehen wir in Erwägung, dass wirklich wir gemeint sind... wir machen immer noch ungläubige Witze bis ein älterer freundlicher Herr uns höflich bittet einzusteigen. Wieder diese israelische Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft- wir stehen schon wieder sprachlos vor ihr und sind begeistert.

Unsere Trail Angels sind ein junges Paar, sie ist den Shvil - wie die Israelis ihren INT nennen, hebräisch für Weg im übrigen- von Dan nach Arad gelaufen, damals, als sie noch jung und ungebunden war, sagt sie mit einem Lächeln. Sie arbeitet als Sozialarbeiterin mit traumatisierten Jugendlichen in Gush Halav und er erforscht wie Futtermittel für Fische aus Müll durch Proteinsythese hergestellt werden kann (-oder so ähnlich) es gab viel zu erzählen und zu erfahren. Dazu gab es Pizza und Salat. Warum sie Trail Angles seien? Die haben dieses große Haus, aber nur ein Kind bisher und viel Platz - also warum nicht, man erlernt viele neue Menschen und Geschichten kennen. Chapeau! Das kleine Kind der beiden wollte mich zum Gute Nacht sagen noch schnell umarmen „laila tov“, der Hund schlief auf den Füssen meiner Freundin... Trail Angel System we are in love!

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Als ob wir eine Familie wären knubbelten wir uns alle morgens gemeinsam in den japanischen Familienkombi. Avithay hatte uns angeboten uns zum Trail zu fahren - von Tzvi’on aus vielleicht ein, zwei Kilometer. Die Sonne scheint, es ist saukalt, der Himmel leuchtet klar. Der Gipfel des Mount Meron hebt sich als klare Linie ab - da gehts jetzt hoch. 1208 Meter. Durch das sanft geschwungene Tal Nahal Tzvi’on geht es durch dichtes Buschwerk langsam aufwärts, aus Buschwerk wird Wald und der Pfad zieht sich langsam auf den Gipfel des Berges - zumindest jenes Teils der für Nicht-Armeeangehörige zugänglich war. Immer wieder öffneten sich Blicke auf die Dalton Höhenzüge, die dem Mount Meron nordöstlich Vorgelagert sind. Der Himmel verspricht keinen Regen, doch er kann scheinbar nicht anders: Sonnenschein und kleinere Nieselschauer begleiten unseren aufstieg. Oben angekommen teilen wir uns das kleine Gipfelplateau vor dem Militärstützpunkt mit mindestens zwei australischen Busgruppen: wir bekommen Props für unsere Wanderung. Auf dem Weg zu den Aussichtspunkten auf der südöstlichen Flanke bekommen wir zum ersten Mal seit langem - gefühlt das erste Mal seit wir auf dem Trail sind - Sonne ab, gierig strecken wir unsere Nasen der Wärme entgegen.

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Der wahnsinnige Ausblick Mount Bar Yohai und Mount Hila an deren sanft abfallenden Hängen Wolkenschlieren von der Sonne in einen silbernen Schleier verwandelt werden, das überzeugt auch die israelische Schulklasse mit der wir uns den Aussichtspunkt teilen. Selfie-Time.

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Wir rutschen, schlittern, glitschen über diverse Matschformen langsam absteigend Richtung Meron. Mal versinken wir bis die Soße sich zumindest durch mein Mesh drückt, Mal kriegen wir wieder fette Placken unter die Sohlen - alles zehrt an Tempo und vor allem an den Nerven, Sehnen und Bänder. Über einen breiten Grat steigen wir ab an den Stadtrand von Meron, wir rutschen über glattpolierten Fels... mal was anderes. Unten angekommen stehen wir am Einstieg in den Nahal Amud. Es sieht hier harmlos aus, dennoch: wir skippen. Eine andere Shvil-Thruhikering, die ob des Wetters von Sobo auf Nobo geswitcht hat, und Avithay , sowie der Wetterbericht rieten uns das Tal zu meiden- zu slippery, zu gefährlich an den versicherten Stellen. Also stehen wir an dieser Kreuzung. Verarzten eine mögliche aufkommende Blase an A.s Fuß, schauen noch einmal sehnsüchtig in das Tal und laufen dann die Straße entlang. Wir versuchen trampenderweise zur Kadarim Junction zu kommen, das Tal des Amud lässt sich nur recht großräumig umlaufen -nach unseren Informationen - das versuchen wir. Recht bald hält ein Ungetüm von einem Pick Up Truck neben uns und läd uns ein. Mit der bewährten Kombination aus ein bisschen englisch, Händen, wenig Füssen, google Maps und translate kommen wir an die nexte Kreuzung. Das Problem ist nun, das wir an einer vierspurigen Straße mit baulich getrennten Mittelstreifen stehen... 7km vor Kadarim Junction wo wir vermuten, wir können wieder auf den Trail kommen. Eine verzweifelte schlechte Laune macht sich breit. Wir waren die meiste Zeit damit beschäftigt entweder über Matschpisten zu rutschen mit fetten Placken an den Schuhen oder um wetterbedingte Unpassierbare Stellen zu navigieren. Das schlägt aufs Gemüt. Und so stehen wir an dieser autobahnähnlichen Straße an einer Bushaltestelle (die uns ironischerweise unserem Ziel nicht näher bringen kann), es ist kalt und wir verlieren wertvolle Zeit. Tapfer stehen wir am Strassenrand, A. hält den Daumen raus, ich tanze etwas gegen die schlechte Laune und zwecks Erhöhung der Mitnahmechancen, neben vielen irritierten Gesichtern ernten wir viele Lacher und thumbs up - nur es hält niemand. Zwei Minuten bevor unsere selbstgesetzte Deadline abläuft hält eine Frau und zeigt uns das nexte Problem unserer Planungsidee auf ... Kadarim Junction ist wirklich sowas wie ein Autobahn-Dreieck und als wir draufzufahren denke ich mir das wird nix. Unsere Fahrerin überlegt auch fieberhaft wo sie uns am besten absetzen kann, damit wir unsere Ziel Migdal am See Genezareth erreichen können. Sie schmeißt uns an der North Nahal Tsalmon Junction raus, so können wir über einen sieben Kilometer Roadwalk auf der 807 nach Migdal.

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Wahrscheinlich das beste was wir aus dem Tag machen können. Wir steigen aus und es direkt wärmer.Der Himmel ist blau und die Sonne scheint. Wir sind unzufrieden mit dem roadwalk, wir haben nur einen schmalen Randstreifen und viele LKWs rollen eng an uns vorbei, so suchen nach Alternativen. Wir finden ein paar Feldwege. Nach wenigen hundert Metern kehren wir wieder auf die Straße zurück. Die Matschplacken waren gefühlt die größten, der ganzen letzten Tage.

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Der Vorteil der ganzen hitchhikerei ist, das wir superfrüh in Migdal sind. Wir haben erst ab 16h einen Platz bei einem Trail Angel. Also gehen wir vorher eine Falafel essen, wir hängen in der Sonne rum, genieszen die Wärme, planen den nächsten Tag. Es geht hoch auf den Mount Arbel, hier steht eine exponierte Kletterei an, sagt die Recherche. Was sie wirklich bedeutet und wie sie aussieht bekommen wir nicht heraus. Wir basteln B Pläne falls die Stellen nicht gangbar sind. Als wir damit genug Zeit damit verbracht haben, konnten wir uns los machen zu Richtung Trail Angel.

Wir sind etwas verwirrt als wir dort ankommen: Unser Trail Angel ist nicht da und niemand der Anwesenden weiß das wir heute kommen... Toll! Der Nachbar, der sich nun um unseren Schlafplatz kümmert aka er bekommt erst einmal heraus wo sie sich überhaupt aufhält, aber zunächst versorgt er uns mit Tee und Knabberkram. Etwa eine dreiviertel Stunde später ist alles klar: Stav ist selber auf dem Shvil unterwegs, hat zwar uns per whatsapp ins Bild gesetzt, hat sich aber nicht um eine etwaige Schlüsselübergabe gekümmert... wir hatten schon Schiß um unseren Schlafplatz. Als wir endlich in einem etwas muffigen und kaltem Raum oder einer Zeitkapsel 70er Jahre Einrichtungssünden stehen, ist das Bett sicher. Mehr auch nicht. A. hat sich irgendeinen stechenden Schmerz in die Ferse gelaufen. Die Klimaanlage funktioniert nicht und der Wetterbericht sagt für morgen starke Regenfälle voraus. Es ist der vierte Tag und wir hängen schon jetzt dem Zeitplan hinterher. Hühnerbrühe und Ibuprofen, eine lauwarme Dusche und ein kuscheliger Schlafsack. A.‘s Laune ist im Keller. Die Brühe hilft...

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Wir stehen früh auf heute steht ein anstrengender Anstieg bevor... 400hm um am ende 80 Meter über NN zu stehen. Der Morgen ist kalt und klar. Die Sonne scheint. Wir laufen Richtung Hamam durch Grapefruit-Plantagen und klauben Fallobst vom Boden auf. Snack-Pause ist gesichert. Auf der Höhe Hamams schieben sich die Berge immer weiter zusammen. Wir wollen Richtung Mt. Arbel und stehen vor einem Schild das der Trail geschlossen sei - welcher? Hier laufen drei, vier durch. Pfff. Auf dem Schild steht ne Telefonnummer. Anrufen. Bandansage auf hebräisch. Ratlosigkeit. Dennoch probieren? Blick auf die Karte. Immer noch ratlos. Vielleicht nochmal anrufen? Bürozeiten ab 8 Uhr. Eine Horde Hunde tackelt sich noch durch das Telefonat. Aufregung und Multitasking. Am Ende sind wir schlauer: Der INT-Aufstieg ist geschlossen, wir können aber den grünen Trail durch den Wadi Arbel nehmen und oben wieder auf den Trail.

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Der grüne Trail ist anclecracking sehr geröllig, immer wieder matischig und der Bach führt Wasser und muss mehrfach überquert werden- ach was solls nach den Tagen und heute ist es auch mal warm. Der Weg ist schön. Die Felswände des Nitay fallen steil und leuchtend rot in der Morgensonne ins Tal, auf der anderen Seite nicht minder imposant ragen die Flanken des Mount Arbel in die Höhe, immer wieder gezeichnet durch Höhlen und ähnliche Zeugnisse menschlicher Besiedlung, die es in die True-Crime-Love-Story der Bibel geschafft haben, wandern im Heiligen Land, inklusive einer Gruppe Amerikaner, die den Jesus Trail laufen und uns vorwarnen, dass weiter oben noch eine steile Kletterei ansteht und das auch oben der Trail gesperrt ist. Bei ersterem bin ich immer geneigt nur so halb zuzuhören, wein sowas sehr subjektiv ist und zweiteres verwundert uns, aber das werden wir ja oben sehn und eigentlich betrifft es uns nicht, weil der weg von unten ja schon gesperrt ist.

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Das gekraxel ist in der Tat steil und anstregend, der Matsch und vor allem matschig getretenen Griffe und Tritte durch die Jesus Trail Wandergruppe verleihen dem Ganzen etwas Würze, machen es aber nicht gefährlicher. Oben angekommen sind wir klatschnass geschwitzt. Auf einer schnurgraden Strasse laufen wir Richtung Nationalpark Mount Arbel und bekommen hier gesagt wir kommen nicht rein wenn wir den Shvil laufen wollen, denn der sei gesperrt. Häh? Wie kommen wir jetzt nach Tiberias? Keine Ahnung, aber der Weg ist gesperrt. Schon klar. Aber umlaufen geht. Wir blicken auf einen roten Matschtrail eingeklemmt zwischen Stacheldraht begrenztem Nationalpark und sanft geschwungenen satt grünen Felder. Wir erahnen hinter den Hügeln im Süden und Osten den See Genezareth und Tiberias, nach wenigen Schritten haben wir fette Matschplacken an den Schuhen, die das laufen zur Hölle machen. Vor einem Wasserreservoir auf einem Felsen von dem wir einen Blick auf den See erhaschen können essen wir unser Fallobst- eine saftige Pink-Grapefruit, A. Achillessehne ist überhaupt nicht begeistert, meine Laune ist nach fünf Tagen kaum vorankommen, ständigen Umwegen und Matschttrails ziemlich weichgespült - der Wetterbericht hat für den heutigen Tag wieder Regen mit Gewitter vorhergesagt... noch sieht es gut aus. Wir laufen los und ein Schakal kreuzt unseren Weg, den wir weiter um den Park improvisieren. Wir kommen leidlich gut voran. Genervt vor allem. tAn jedem Stein, den wir sahen streiften wir unsere Schuhe wohlwissend der Unsinnigkeit des Unterfangens fühlen wir uns in einer ewigen Don Quichotterie oder dem Camus‘schen Sisyphus - nur als glückliche Menschen konnten wir uns nicht vorstellen als wir den Hügel hinabschritten.

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(trailmarkeirung lost in matsch)

Als wir hinter dem Friedhof wieder versuchen auf den Trail zukommen gelang uns dies bis zu jenem Zeitpunkt als A. den Blick vom Matsch des Weges und unseren Füssen gen Tiberias richtete und sagte „Komische Wegführung... Wir gucken, die ganze Zeit drauf, aber wir kommen Tiberias nicht näher...“ in dem Moment machte es Klick. Navi raus... Ja wir haben den Weg gefunden aber nicht den Abzweig in die richtige Richtung, wir laufen zurück auf dem INT zum Mount Arbel. Ach du scheiße! Die Stimmung ist unversehens im Eimer. Ich verfluche diesen Tag und diesen Trail - und weil ich schon dabei bin, alle anderen Tage davor auch. der Frust der letzten Tage entläd sich. A. dreht sich einfach um und sagt „Ich lauf schon mal vor, Du holst mich ja eh ein“... Ich fruste etwas vor mich und mache mich dann los. Den gleichen Matschweg nochmal laufen fühlt sich ironischerweise nicht so schlimm an, wie beim ersten Mal.

Wir finden den verpassten Einstieg und checken zwei Mal gegen ob wir richtig sind. Wir umlaufen Kfar Hitim. A. Sehne brüllt, sie läuft merklich langsamer und ihr Gesichtsausdruck spricht Bände. Wir beratschlagen nach kurzem Blick auf die Karte und den Wetterbericht, dass wir heute mir bis Tiberias laufen uns spontan einen Trail Angel oder eine Unterkunft organisieren, Sehne schonen. Soweit der Plan. Im Nordosten zieht bleigrau eine Wolkenwand auf die sich erstaunlich schnell nähert. In etwa zwei Kilometer kommt eine Tanke mit Grocery Store, die wir ansteuern wollen... wir sind gerade dazu gekommen uns Süssigkeiten, Softdrinks und salziges Frustfutter auszusuchen und es uns an dem

Tisch unterm Vordach gemütlich zu machen als der Himmel sich grollend öffnete. Wir stecken die Köpfe zusammen und lassen den Zucker in unseren Synapsen arbeiten...

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Eine Stunde später saßen wir in einem Bus nach Tel Aviv und sind der festen Überzeugung, dass das was wir vorhaben ob aller äußeren Umstände das vernünftigste ist was wir machen können. Wir fahren nach Tel Aviv und am nächsten Morgen weiter nach Jerusalem machen dort zwei Tage Pause und Schonung, das Wetter soll ab dort auch etwas besser sei und steigen bei Jerusalem wieder in den Trail ein. Wenn wir gut druch kommen können wir später wieder zurück nach Tiberias oder so und wenn nicht eben nicht. Über dem Meer geht die Sonne unter und wir stehen im Stau der Tel Aviver Vororte...

 

...to be continued...

 

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Ab durch die Mitte: Jerusalem, die Kälte und einmal ist immer das erste Mal

 

Der Masterplan sieht vor zunächst eine Nacht in Tel Aviv zu machen, weil wir ansonsten viel zu spät in Jerusalem ankommen würden. Unser Guest House hatte eine Waschmaschine- erste Wäsche nach fünf Trailtagen. Dosenbier und Chips. Mit Blick auf den Wetterbericht und dem Umstand, dass eine Kaltfront über Zentralisrael ziehen soll steht auf der Agenda noch am nächsten Morgen zu Decathlon und den Temperaturbereich zu boosten. Lange Fleecehose für meine Freundin. Ich bin fine so far. Obgleich die Verlockung einer bequemeren und wärmeren Alternative oder Ergänzung zur ZLite im Raum stand. Vorher aber noch im Super- Pharm Bandagen, Schmerzmittel und Voltaren für die Ferse und das anstehende Gesundungsprogramm kaufen.

Wir kommen am trubeligen Jerusalemer Busbahnhof an und mussten direkt Zeugen werden wie antiarabischer Rassismus israelischer Provinienz funktioniert: erniedigende Gängeleien an der Sicherheitsschleuse des bahnhofseigenen Shopping-Centers. Es beschämte uns nicht intervenieren zu können ob unserer sprichwörtlichen Sprachlosigkeit, sowie die Feststellung dass niemand anderes intervenierte. Etwas bedrückt ob des Erlebten traten wir in die Sonne des Vorplatzes und versuchten uns zu orientieren. Ein Freund hatte uns ein Hostel am Jaffa-Gate empfohlen und obgleich es eigentlich nur herauszufinden galt welche Richtung der einzigen Strassenbahn für uns die richtige sei, waren wir im ersten Moment überrumpelt von den ersten Eindrücken. Charidim mit Plastiktüten liefen geschäftig umher, Touristen mit großen Kameras vor dem Bauch und Reiseführern unterm Arm, ältere Orthodoxe lasen kopfwippend in religiösen Schriften, junge Frauen kaum älter als zwanzig standen in Uniformen mit Sturmgewehren zusammen und lachten über Tiktok-Clips, Araber verkauften Sesamkringel. Die Sonne ließ den Jerusalemstein der Bauten gülden Leuchten. Im Schatten war es kalt, wir schoben uns alle auf dem Bahnsteig zusammen.

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Das Hostel liegt in einer Seitengasse der jerusalemer Altstadt. Die Dachterrasse bietet einen Blick über das Häusermeer jenseits der Stadtmauer. Um 17 Uhr wallen die Rufe des Muezzin herüber, kaum sind sie vorbei beginnt Glockengeläut, als dieses endet beginnt der Muezzin einer anderen Moschee und keine fünf Minuten darauf beginnt eine andere Kirche zu läuten... diesem Schauspiel hören wir bei Tee und süssem Gebäck für eine gute halbe Stunde zu. Da wir Jerusalem gar nicht grossartig in unserer Reiseplanung berücksichtigt haben sind wir etwas planlos und fragen die Hostelbesitzer was sie tun würden. Es sind Palestinenser und sie empfehlen uns das arabische Viertel und ein Cafe am Fusse des Ölbergs. Wir schlendern zunächst durch das enge Gassengewirr der Altstadt und dann verlaufen wir uns im engen Gassengewirr der Altstadt, stehen auf einmal vor dem Eingang der Al‘Aksa Moschee wo uns der Eintritt verweigert wird- ehrlicherweise wird uns da erst bewusst wo wir und gerade befinden. Irgendwie schaffen wir es zum Kaffee. A. legt ihre geschundene Ferse hoch und schmiert eine grosse Ladung Voltaren auf ihren Fuss. Ein Ritual dass uns bis zum Schluss begleiten soll und die konkrete Ausgestaltung der nächsten Kilometer mal mehr mal weniger beeinflusst.

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Den nächsten Zerotag verbringen wir im wesentlichen damit in Cafes mit Heizungen zu verbummeln. Es ist empfindlich kalt, unser Hostel hat keine Heizung. A.‘s Fuss hat die Pause gut getan, die wir sind froh dass es weiter geht. Zwangspausen sind langweilig. Und der Wetterbericht sieht stabil aus: kalt zwar, aber trocken. Wir sind sehr gespannt auf den Zustand der Wege, mit ihnen steht und fällt das weitere Vorgehen - weil Fakt ist, das Damoklesschwert des Tourabbruchs baumelt über unseren Köpfen und würde uns damit in ein nächstes Dilemma stürzen: Unsere Reisekasse ist nicht auf Urlaub ausgelegt, sondern auf thruhiken. Tourabbruch hieße finanzieller Ruin oder nach Hause fliegen. Aber das ist nicht der Deal den wir gemacht haben. Also getragen von einem unerschütterlichen Optimismus haben wir diesbezüglich keinen Plan B und gehen einfach davon aus, dass die Wege fersenfreundlich sind und wenn sie es nicht sein sollten wir, wie bereits im Norden geschehen, uns um die schwierigen Stellen herumimprovisieren oder eben durchbeißen oder -quälen (je nach Tagesform freilich).

Wir steigen in einen Bus der uns an den Stadtrand bringt und völlig kontraintuitiv mit jeder Station tiefer ins Jerusalemer Suburbia voller wird. Angekommen, steigen wir sprichwörtlich über viele Menschen und schaffen es beinah nur zur Hälfte aus dem Bus raus – auch sprichwörtlich, kaum war ich draußen ging die Tür zu. Zuglück (naja) hatte meine Freundin den Fuß schon draußen und ich geistesgewärtig den Arm wieder drin. Die Tür geht wieder auf. Das Abenteuer möge wieder beginnen.

Wir verlassen die Vororte und erahnen einen grauen Strich auf den gegenüberliegenden Hügeln. Der Zaun zwischen der Weestbank und Israel. Der Ausblick wird uns noch etwas begleiten und beklemmen. Der Weg führt uns über den Park der Quelle Ein Lavam oberhalb des Nahal Refa'im. Etwa eine Stunde geht es durch terrassierte Olivenhaine und lichte Pinienwälder bis zum Ein Kobi. Hier schlagen wir uns durch dichtes Unterholz und Buschwerk langsam das Tal hoch bis wir an einem der unzähligen Picknick- und Campplätzen des Trails stehen, manche sind mit Wasserhähnen ausgestattet, so auch dieser. Wir tanken Wasser. Der Platz weil nicht zum verweilen ein, er ist ziemlich verdreckt und es ist recht kalt. In Bewegung angenehm, für Pausen etwas zu frisch.

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Die Wege sind gut, hart und nicht vermatscht. Es ist eine wohltat. Obgleich es meist breite Feld- und Wirtschaftswege sind, wir sind mit diesem Umstand recht zufrieden. A.'s Ferse ist glücklich – sie motzt zumindest nicht mehr als sonst. Der Trail ist recht gefällig. Landschaftlich nicht sonderlich spektakulär, aber auch nicht sonderlich langweilig. Wir nähern uns der Ortschaft Mata über einen baumlosen Hügelrücken, die Sonne scheint, der Wind bläst frisch, Schakalspuren in ausgetrockneten Pfützen... in Mata wollen wir frisches Essen für den Abend kaufen. Unsere Resupply-Strategie sieht vor häufiger rauszudroppen, lecker, frisches Essen zu kaufen – ist gut für die Moral, wir haben aus dem Norden gelernt. (Nicht dass wir dass im Norden nicht auch so schon gemacht hätten... hier bekommt es eine besondere Note). In Mata angekommen müssen wir durchs ganze Dorf, dafür haben wir jetzt Wasser und ziemlich lecker Essen. Eine spannende Frage bei Ortschaften in Israel ist, ob es noch andere Wege raus gibt. Mata ist wie viele Orte in Israel von einem hohen Zaun umgeben, auf den Karten können wir nur erahnen und hoffen, dass die Wege uns zu einer Tür führen und dass diese auch offen ist bzw. sich öffnen lässt. Beim reinlaufen hat A.'s Adlerblick den offenen Zugang bereits entdeckt, beim rauslaufen bleibt es spannend bis zum Schluss. Wir passieren eine Tür – das Tor ist umständlich mit Stacheldraht gesichert – und sind ziemlich zufrieden, auf dem alten Weg zurück wäre sehr frustrierend gewesen.

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Der Steinbruch Zanuha kündigt sich durch laute Abbrucharbeiten an. Mit Blick auf die Uhr, der bisher gelaufenen Kilometer (ca. 25) wird es langsam Zeit einen geeigneten Zeltplatz zu finden. Wir sind beinah der Geräuschkulisse entlaufen, als ein lichtes Wäldchen mit Terrassierungen auftaucht. Wir gucken auf Ramat Beit Shemesh und der Stadtteil Gimel, selber eine Baustelle beschallen sanft von der anderen Seite. Aber bald ist ja Feierabend und den Wecker können wir dann auch getrost auslassen.

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Zelt aufgebaut und den Sonnenuntergang genießen. Kaum ist die Sonne weg ist es ziemlich kalt. Wir haben vorgesorgt für die langen Zeiten im Schlafsack und haben in Jerusalem noch ein paar mehr Podcasts runtergeladen: Wir starten diese Nacht die Nächste Stufe unseres Bildungsurlaubs. Haben wir vorher immer alles was uns so ein- und auffiel gegoogelt und auf „Wollen-Wir-Wissen-Listen“ gesetzt, um es dann in Doku-Channels zu gucken oder alten Zeitungsberichten zu lesen (so haben wir uns in Jerusalem, die meiste Zeit mit Dokus und ähnlichem zum Charidim auseinandergesetzt). Nun sind Podcasts zum Thema Christentum. Islam und Judentum dran – wir sind schließlich im heiligen Land.

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Morgens werde wir vom Baulärm und oder vom Lärm des Nahegelegen Steinbruchs wach. Es ist recht frisch und es ist die erste Nacht on Trail die wir im Zelt venbringen. Ich wundere mich, als ich steif aus dem Zelt krabbel warum ich auf der E1/E5 Tour dachte das die Zlite eine komfortable Matte sei, war es schon die Genügsamkeit der 2200km Traillebens oder ist Italien nicht so ein hartes Pflaster wie Israel ober bin ich einfach nun ein halbes Jahr der 40 nahe und dies macht sich nun wirklich bemerkbar...? Was es auch sei, die nächsten Nächte werden interessant. Meine Freundin hat weniger prickelnd geschlafen, ich beglücke sie mit Kaffee am Bett bzw. zum Abbauen uns beide beglückt die Aussicht, dass etwa anderthalb Stunden später im Kibbutz Netiv Ha Lamed Hei eine Bäckerei geben soll. Der Kibbutz mit dem für uns etwas sperrigen Namen, ist nach 35 Haganah Kämpfern benannt, die im Bürgerkrieg bei dem Versuch den belagerten Kibbutz Gush Etzion in der Nähe Jerusalems mit Nahrung zu versorgen, in einem Hinterhalt arabischer Milizen getötet wurden. Obgleich historisch und politisch interessiert ist das für uns eine Randnotiz, vornehmlich stellen wir uns meist die Frage ist es ein Kibbutz und wenn ja welche Form des Kibbutz und ansonsten haben wir die profaneren Interessen ob es dort Essen gibt – schlau vielleicht, aber am Ende doch einfach nur Hikertrash. Im Kibbutz selbst irren wir durch alte Großstallungen, die mittlerweile in diverse andere Nutzungsformen überführt worden sind und sind etwas irritiert immerhin sagt Google, dass es hier eine Bäckerei gibt – und wenn Google das sagt... Wir sind schon kurz davor aufzugeben als uns ein Mann mit einer Brötchentüte entgegen kommt und fragt „Can I help you?“ und wir ihn freudig anstrahlen „You already did“ und wir auf die offene, mit Maschendraht vergitterte Seite einer alten Stallung zeigen und fragen ob dies die Bäckerei sei. Er strahlt zurück „Yes“ und sie sei wirklich gut, was wir denn hier machen und shabbat shalom. Wir stehen in dieser Bäckerei, die uns irgendwie an besetztes Haus, fancy Wagenplatz und Hipster-Cafes in Kreuzkölln oder auf der Schanze erinnern, irgendwie beides, irgendwie unwirklich. Eine Frau lächelt uns an und sagt ist es nicht wahnsinnig, dass es sowas mitten im nirgendwo gebe. Mit Blick auf die Auswahl geben wir ihr begeistert recht. Frisch gebackene Zimtschnecken, Challot, Brote, Pain au Chocolate, Sauerteigbrote, Vollkörnbrötchen. Es gibt eine Siebträgermaschine, es gibt Hafermilch... wir sind selig.

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Sofort sind wir in diversen Mitwartenden in Gespräche verwickelt, was wir machen, wo wie her seien. Wir unterhalten uns länger mit einem Ex-Shvil Thru-Hiker, dessen Töchter gerade dabei sind mit viel Lust und Freude Pain au Chocolate in Wassergläsern einzuweichen und die eine Hälfte davon in ihrem Gesicht zu verschmieren und die andere auf dem Servierbrettchen. Als er den Shvil gelaufen ist gab es die ganze Infrastruktur der Trail Angels noch gar nicht, es gab Menschen in derr Wüste, die einen beim Wasser-Management unterstützt haben, es sei total großartig wie sich das drumherum um den Shvil seit dem entwickelt habe. Wir pflichten bei, immerhin hat uns dieses System im Norden schlicht den Arsch gerettet.

Die Zimtschnecken, lauwarm noch, sind ein Traum, die Sonne scheint. Wir haben das Gefühl alles richtig gemacht zu haben. Uns wird noch angekündigt dass das nun kommende Stück sehr schön sei. Wir sind gespannt.

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Episches und biblisches trug sich im HaElah-Tal zu, hier ist der Ort des Kampfes David gegen Goliath, auch wenn wir nicht dran vorbei sind, die Google-Reviews sind spannender, aber nur ganz knapp vor dem ersten Buch Samuel Kapitel 17. Der Trail ist wirklich sehr schön. Immer auf den Höhenzügen den Judäischen Berge mit bisweilen grandiosen Fernsichten bis nach Tel Aviv, dem Mittelmeer, in das hier sehr grüne Westjordanland und wir vermuten bis zurück auf die Vororte Jerusalems.

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Gegen 16 Uhr finden wir einen Platz für unser Zelt, hinter einem Busch unter einem ausladenen Baum. Direkt neben dem Weg. Egal. Der Platz ist vor allem Windgeschützt. Es hat zwar den ganzen Tag die Sonne geschienen und der Himmel schmückte sich mit nur wenigen Wolken, es war jedoch vor allem durch einen beständigen und gerade auf den Höhen oder in Tälern – die meist als Windkanal fungierten – doch sehr frisch. In Bewegung und bei Sonne kaum auffällig, in dem Moment in dem die Sonne spektakulär hinter den Hügeln versank wurde es schlagartig kalt. Heute wählten wir die Strategie der Abendbeschäftigung Feuermachen statt Podcast hören und bastelten uns ein kleines Feuer das neben der Beschäftigung noch Wärme und Lagerfeuerromantik bot.

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Der nächste morgen war saukalt und tief hing ein grauer Himmel über uns. Der Wind blies und den letzten Rest Schlafsackwärme aus den Knochen, wir verzichteten auf den Kaffee und glaubten dem Versprechen Googles, dass die Tanke in etwas weniger als einer Stunde so ne richtig tolle mit Drinnen-Sitz-Möglichkeiten ist, wir imaginierten süße Teilchen die ein heißen Kaffee im warmen getunkt wurden – wir bekamen eine etwas runtergeranzte Tanke mit einer großen Terrasse und keinen Sitzmöglichkeiten drinnen, die Teilchen waren erst fertig al wir gingen, die Toiletten waren unterirdisch... aber immer das gute sehen, wir durften uns zwei Plastikstühle reinholen, der Kaffee war immerhin aus einer Siebträgermaschine und gar nicht mal schlecht, es gab dazu irgendwelche veganen Power-Bällchen und mit der Tiefkühltruhe konnten wir uns sowas wie einen Tisch improvisieren und für den Weg gab es auch noch Schokoriegel... alles gar nicht mal sooo schlecht, naja...

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Wir machen uns nach unserem Frühstück und einer kurzen – zugegeben ziemlich ekligen – Morgentoilette auf in die Kälte. Der Weg ist ist ziemlich ereignisarm. Auf der Infoatafel wird angepriesen, dass wir durch dieses und jenes liebliche Tal am Rande dieses und jenes Nationalparks laufen, über sanfte Hügel und an Rebstöcken vorbei um schließlich die Etappe an Tel Keshet zu beenden... Die Realität ist schnell erzählt: Ein breiter Schotterweg, auf der einen Seite Felder begrenzt von unspektakulären Hügeln, die andere Seite von Stacheldraht eingezäunter Nationalpark mit Kühen zur Kulturpflege drin; die Rebstöcke sahen, da es Tafeltraubenproduktion war eher aus wie der Versuch von Agrikultur nach der Zombieapokalypse und war einfach nur öde, dann kamen Felder, braune Äcker und Tel Keshet war ein Hügel neben einer Strasse auf einer Ebene mit viel Geröll, Wiese und Müll... drüber hin ein grauer Himmel und ein eisiger Wind fegte um unsere Ohren. Sieben Stunden Wanderung sind damit umschrieben. Zugegeben der Himmel war bisweilen spektakulär, vor allem als wir über die Äcker wanderten... sie waren mein Lichtblick, A.'s Blick war durch die vorheige Ödnis bereits getrübt und sah nur Matschacker...

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Es ist halb drei. Wir gucken auf den Himmel, der ist noch grauer und das Internet sagt, dass es just hier und gerade regnen soll. Tut es nicht. 10 Minuten Später fängt es an zu nieseln, da es nicht aufhört ziehen wir unsere Regenklamotten an. Wir checken die Karte. Vor uns liegt ein Waldstück und dann erst wieder in acht Kilometern das nächste zwischen drin liegen reine Ackerfläche ohne irgendeine Möglichkeit das Zelt aufzustellen. Wir erreichen den ersten Wald machen eine kurze Pause und erörtern die Sachlage. Es ist noch viel zu früh das Zelt aufzuschlagen, es sei vernünftiger weiterzulaufen und den anderen Wald zu erreichen, zudem der hiesige eher uneben ist und nur suboptimale Stellplätze anbietet. Zeitlich sind die acht Kilometer bis zum Einbruch der Dämmerung zu schaffen, d.h. kein Nachtwandern und Zeltaufbau im Dunkeln. Sollte gehen. Das mit dem Regen ist kalkuliertes Risiko, der Wettervorhersage ist nicht zu entnehmen ob es so bleibt oder mehr wird, die Wetterbeobachtung ist widersprüchlich. Der Wind steht so dass die tiefgraue Wolkenfront sich von uns wegbewegt und die Wegführung zeigt an dass wir uns nicht wirklich darauf zu bewegen, eher davon weg, aller höchstens parallel dazu...Wir besiegeln unsere Entscheidung mit Schokoriegeln und laufen los. Der Wind drückt uns den Nieselregen ins Gesicht. Wir erreichen mach 300 Metern einen ausladenden Wadi mit Eukalyptusbäumen und ich sage noch „Sieht nicht schlecht aus“... 20 Minuten später stehen wir vollkommen schutzlos mitten auf einer laaaang gezogenen Anhöhe mitten auf Äckern ohne eine einzige Form des natürlichen oder menschgemachten Schutzes in einer Gewitterfront, die über uns in Wellen hinwegfegt. Binnen von 5 Minuten sind meine Füße patschnass, 15 Minuten später fängt es an mir den Rücken nass runter zulaufen. Ich bin nass bis auf die Unterhose sprichwörtlich. Es gibt keine Möglichkeit Schutz zu finden, also laufen wir stur weiter (Wo ich das schreibe frage ich mich warum wir nicht zurück zum Wald sind...). Wir versuchen einen Platz für unser Zelt zu finden, der Wind zerrt an und und drückt uns das Wasser senkrecht ins Gesicht. Wir finden keinen. Rechts und Links von uns nur Acker. Verzweifelung macht sich breit und eine stumpfe Akzeptanz was ist: Es regnet, wir sind eh schon nass bis auf die Haut, wir finden keinen Platz für unser Zelt und die Bewegung schützt uns vor der Hypertonie- also laufen wir weiter. Es ist bei allen Trailkilometern der letzten fünf Jahre, dass erstemal, dass mir wirkklich sowas passiert, ich hatte das alles für sich schon, aber all das Zusammen wirklich noch nie. Meine Freundin fragte mich schon im Norden mit einem Augenzwinkern „Das ist also Thruhiken und das findest du geil?“ Ich habe schon da geantwortet, dass das es auch ist, aber nicht immer, ansonsten fände ich es auch nicht soo prickelnd. Jetzt muss ich wieder dran denken und teile ihr dies mit. Wir beiden quittieren dies mit einem Schulterzucken, einem „Isso“ und einem lächeln. Der Altbekannte Matsch hängt sich mit dicken Placken wieder an unsere Fersen und wenn er es nicht tut schlittern wir wie auf Schmierseife auf ihm herum. Wir kommen bis zum Nahal Sad. Kein Wasser drin. Wir entdecken links von uns sowas wie eine Baumgruppe und wollen dort hin, wir versprechen uns minimalen Windschutz von ihr und vor allem eine freie Fläche für das Zelt. Wir kommen zunächst gar nicht soweit, nach dem der Regen kurz abflaute, öffnete sich wieder der Himmel und es prasselte auf uns herab, wir sondierten das Gelände und fanden eine Senke, die etwas windgeschützt und eben und nicht Flutungsgefährdet war und versuchten das Zelt aufzubauen. Es ging nicht. Der Boden war bereits so aufgeweicht der er keine Hering hielt, entweder der Wind oder der notwendige Zug auf die Guylines oder beides verunmöglichten uns das Zelt aufzubauen (es gab natürlich keine Steine zum Beschweren der Heringe). Wir suchen weiter. Wir finden eine weitere Senke. Könnte gehen. Ging nicht. Wir haben das Zelt schon gar nicht mehr eingepackt. Wir, das Zelt, alles ist total vollgematscht und nass. Wir finden eine Ebene Stelle kurz vor Tel Naglia. Es hört auf zu regnen, der Wind bläst unvermindert weiter. Der Boden ist hart genug und vor allem mit Steinen durchsetzt, die Heringe bleiben im, Boden, wir verstärken sie dennoch mit Steinen, bauen uns noch zur Wetterseite einen kleinen Windwall. Dann fängt es wieder an zu schütten. Wir schaffen es eben noch so uns Zelt und beginnen uns zu organisieren. Mein größtes Problem ist, meine Puffy ist irgendwas zwischen nass und feuchtklamm – ich habe sie den ganzen Tag zum wandern getragen, weil es so kalt war und habe als ich mein RainGear anzog sie auch angelassen... sie macht zwar ihre arbeit noch, aber nicht so richtig. Ich habe eigentlich auch alle Layer bis auf mein Schlafshirt und meine Tights an... die beiden retten mich.

Wir kochen uns eine Brühe, kippen Chilisoße rein und tunken reichlich Pitabrot hinein. Es ist das beste Essen unseres Lebens – gefühlt. Noch ein Tee. Wir organisieren irgendwie eine Schalfsacktrocknung meiner Sachen und ich bekomme trockene Klamotten von meiner Freundin um mich darin einzuwickeln, weil ich größenbedingt nicht reinpasse. Der tösendem Regen schaffen wir es noch eine Podcast zu hören und schlafen dann ein, wohl wissend das wir das schlimmste überstanden haben und morgen wieder alles anders, besser, wird...

Dieses Gefühl hält bis zu dem Augenblick als ich verpennt und demnach etwas kurzsichtig im strömenden Regen mit meinen letzten trockenen Klamotten stehe und verzweifelt versuche den Hering von der windzugewandten Apsidenseite in den Boden zu treiben während der Wind mit aller Gewalt an der Guyline zerrt. Ich wurde durch einen Donnerschlag wach und sehe meine Freundin wie sie durch das Moskitonetz den Trekkingpole mit aller Kraft gegen den Wind stemmt und festhält. „ich glaub der Hering ist raus, was machen wir jetzt?“ Verpennt wie ich bin rolle ich nur innerlich mit den Augen ziehe meine FroggToggs über und gehen raus... ob das schlau war, darüber habe ich nicht nachgedacht. Es war nicht die beste Idee, aber ich war schnell genug, so dass ich nur mit klammen Klamotten zurück in den warmen Schlafsack kriechen kann,

Der Regen und der Wind machen die ganze Nacht weiter, zerren an dem Zelt, hämmern auf ihm rum. Als wir morgens aufstehen, sind wir beide 1000% von dem Duplex überzeugt. Bombproof, ist kein Regen reingekommen, da alle Heringe von vornherein mit Steinen beschwert waren ist bis auf das eine Malheure nichts passiert. Stabil das Dingen... und alle meine Klamotten sind auch fast trocken.

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Es ist dank des Windes grimmig kalt. Bereits beim Zelt abbauen und zusammenpacken sind meine Finger steif vor Kälte. Wir verzichten auf ein Frühstück, lassen die letzten nassen Klamotten im Wind beim abbauen trocken pusten und machen und schnell los. Der Himmel sieht harmlos, gar schön aus, viele lichte, blaue Stellen, die Sonne kommt immer wieder durch. Zurück auf den Trail. Ersteinmal orientieren und hoch auf den Hügel des Tel Naglia. Irgendetwas Archäologisches. Wir sehen nur einen zerrupften Picknickplatz übersät von Feuerstellen und Müll und wir sehen noch was anderes. Wir müssen noch über den Shikma rüber, ein Wadi bzw. nach dem gestrigen Nachmittag/ Nacht ein breites, braunes Band aus Wasser. Da wollen wir nicht rüber, da können wir nicht rüber, dafür müssen wirr gar nicht bis dahin laufen um die Lage vor Ort zu checken, also Plan B improvisieren. Es gibt einen Weg der dem Shikma bis zur Autobahn, die wir auch noch irgendwie überwinden müssen, folgt, dieser Weg kreuzt an anderer Stelle den Shikma und wir hoffen über das Ablaufen eine geeignete Stelle zum überqueren zu finden. Aber erstmal querfeldein immer den Blick auf den Wadi voller Wasser auf der Suche nach einer Furt.

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Wir werden fündig. Ein 1 meter breiter Bach ist es hier. Damit sind auch zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, wären wir dem vorgegebenen Weg gefolgt, wären wir länger parallel zur Autobahn gelaufen, so kommen wir direkt an unserer Querungsmöglichkeit an. Schön. Und dazu scheint die Sonne. Der Matsch hält sich sogar in Grenzen. Wir kommen zügig voran. Recht bald stehen wir vor einer Betonunterführung unter der Autobahn, die einmal komplett unter Wasser steht. Wir checken kurz die Lage. Da wollen wir nicht durch. Also Karte raus. Idee: Wir laufen bis Beit Karma an der Autobahn entlang, da gibt es eine Brücke. Okay. Wir trauern unserem Frühstückskaffee hinterher, den die Tanke uns versprochen hatte und trotten auf einem öden Asphaltweg neben der Autobahn Richtung Beit Karma. Google Maps verkündet jedoch die frohe Botschaft, dass es dort einen Mc Donalds gibt. Halleluja! Burger zum Frühstück? Oder Pommes? Oder beides und noch irgendwelchen perversen Scheiß...? Wir fühlen uns moralisch dazu geradezu verpflichtet e uns gut gehen zu lassen nach den letzten 18 Stunden. Die Vorfreude überdeckt die Unsicherheit ob die Autobahnüberquerung hier wirkliche eine Brücke ist bzw. ob wir sie ohne weiteres passieren können. Egal. Erstmal frühstücken und dann kümmern wir uns um den Rest.

An der Tanke angekommen stellen wir erst einmal fest, dass der McDo noch nicht aufhat, aber bei Aroma gibt es Kaffee mit Pflanzenmilch und die Information, dass hinter dem einen McDo noch ein weiterer ist, der vielleicht auf hat. Wir blinzeln in die Sonne trinken Kaffee und schauen uns das geschäftige Treiben auf der Tanke an – ausschließlich IDF-Soldaten und Busgruppen. Es soll heute nur nach Dvir gehen, einen Kibbutz nicht weit von hier. Vier, fünf Kilometer noch. Wir haben einen Trail Angel kontaktiert, also egal wie das Wetter wird: Wir sind trocken, save und hoffentlich warm.

Mc Donalds essen hat diese Angewohnheit, in dem Moment in dem dem Verlangen nach diesem Essen nachgegeben wird, es sich unglaublich befriedigend anfühlt – exakt für fünf bissen, dann schalten die Synapsen, dass das eigentlich der letzte scheiß ist und man fragt sich warum man diesem Verlangen nachgegeben hat. Dennoch gibt es einen inneren Drang alles aufzuessen was ausgebreitet vor einem liegt, um dann dem Körper dabei zuzuhören wie er mit Abwehr auf das eben gegessene reagiert. Mir ist unmittelbar nach schlechtem Fast Food schlecht und ich schwöre mir jedes Mal, dass es das letztes Mal war. Heute war es anders: Ambivalent. Es war irgendwie auch sehr geil.

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Wir brechen auf und überqueren die Autobahnzubringerbrücke problemfrei, auf der anderen Seite klauen wir junge Rote Beeten aus einem Acker für unser Abendessen und wir laufen weiter an der Autobahn entlang. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint, es ist beinah warm, wir können bi zu den Hügeln der Westbank schauen. Wir sind zufrieden. Der Great Universal Trail meint es gut mit uns, nachdem wir gestern leiden mussten, werden wir nur mit kleinen Prüfungen unseres Glaubens an das Thruhiken herausgefordert.

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Dvir umlaufen wir etwas umständlich, finden den Eingang, sind superfrüh da und können alles was noch nass, klamm oder vermatscht ist in die Sonne hängen und bei Tee dem ganzen beim trocknen zu sehen. Es gibt eine heiße Dusche, im Kibbutzeigenen Laden, kaufenb wir lecker Essen und Bier. Der Tag ist gut. Wir sind gespannt auf Morgen.

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...to be continued...

 

 

bearbeitet von effwee

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Sehr guter Bericht, der Style gefällt mir sehr gut, wahrscheinlich hast Du sogar einmal ein Buch gelesen, saugeiler Wortschatz, in der heutigen Zeit keine Selbstverständlichkeit.

Ehrlich gesagt, kam ich mir im Herbst wie der hinterletzte Vollpfosten vor. Es war heiss, staubig, dauernd hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir zur Mittagszeit eine Cola an der Tanke gegönnt hatte, ich hatte ständig das Gefühl, fast stehen zu bleiben. Und an den Stränden hätte ich auch lieber die Badehosen angezogen und mir ein, zwei Long island Ice Teas reingezogen. Es gab da auch sehr knackige Jungs und Mädels, alle wie direkt vom Fotoshooting für leicht grenzdebile Medien. 

Im Winter verwandelt sich aber offenbar alles in eine Matschwüste. Dies ist offensichtlich noch anstrengender als Staub zu fressen und vom Geruch des Düngers angesäuselt zu werden. Vielleicht ist es im März besser?  So oder so, eine extreme Erfahrung, da lobe ich mir die im Vergleich simple Hikerautobahn namens PCT... 

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Am 8.2.2020 um 14:52 schrieb Mars:

Sehr guter Bericht, der Style gefällt mir sehr gut, wahrscheinlich hast Du sogar einmal ein Buch gelesen, saugeiler Wortschatz, in der heutigen Zeit keine Selbstverständlichkeit.

vielen dank für die blumen :)

Am 8.2.2020 um 14:52 schrieb Mars:

Vielleicht ist es im März besser? 

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mir seit deinen Ausführungen auf insta und der ganzen recherche und nun vor allem mit der erfahrung vor ort was die beste zeit sei.

Ich finde das "hauptproblem" des shvil ist, dass es eigentlich von der dramaturgie her ein reiner sobo-trail ist - ganz ehrlich ich laufe keine 1000km um vor diesem ominösen tor in dan zu stehen, welches danach aussieht als ob es das ergebnis des Esoterik-Töpfer-Gruppe Castrup Rauxel ist, das ist ziemlich deprimierend, während im Süden der Trail einfach am Meer aufhört - state the obvious, da gehts nicht mehr weiter. das finde ich für den kopf und das herz für den abschluss sehr befriedigend, wenn das ende für ikongraphisches taugt... also sobo only und damit will ich den heißesten teil definitiv nicht im märz/april laufen (ist auch dann doof wg wassermanagement)

ich bin für februar mit zeitreserven, um ggf regen und langsameres vorankommen eher auzusitzen und mit glück in drei wochen in der wüste zu sein, also ende februar/ anfang märz...

oder november und ende des monats/ anfang dezember in arad ankommen... auf insta waren drei, vier unterwegs, die das so gemacht haben...

der winter war aber auch ziemlich krass. in tel aviv sind 2,3 menschen in den fluten ertrunken... alle mit den wir uns unterhalten haben, eagl ob im norden oder süden, sagten der winter ist wirklich ungewöhnlich... abeer mit dem restrisiko wetter müssen wir draußen ja eh immer dealen und das kann dir schon mal nen thru verhageln oder zu nem sectionhike einkürzen :D

 

aber naja...

 

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vor 14 Stunden schrieb effwee:

welches danach aussieht als ob es das ergebnis des Esoterik-Töpfer-Gruppe Castrup Rauxel ist

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Jede Wette, auch das Starttor in Dan ist so ähnlich konstruiert worden.

Leider werde ich aus Deinem ersten Satz nicht ganz schlau. Wahrscheinlich wäre es am Besten, so jetzt in Dan loszulaufen?

 

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vor einer Stunde schrieb Mars:

Leider werde ich aus Deinem ersten Satz nicht ganz schlau. Wahrscheinlich wäre es am Besten, so jetzt in Dan loszulaufen?

klar fehlt ja auchn wort... aber ungefähr so: ich stelle mir selber die frage was der beste zeitpunkt ist für den int? 

wahrscheinlich jetzt oder gar noch teas früher... anfang februar...? ich weisz es nicht. aber in einem gedankenspiel würde ich es so machen: 1.2. und zwei wochen länger wg etwaigen wetterlagen und wegbedingungen zusätzlich einplanen (6-7 ggf auch 8 wochen ergo für den gesamttrail) 

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Es wird Wüste: Das Tote Meer und kaputte Füsse.


 

Als wir Dvir verlassen wünscht uns am Tor eine ältere Dame, die sich an ihrem Stock festhält, mit einem strahlenden Lächeln einen wunderbaren Tag, dieser hatte bereits mit Kaffee und Porridge im Bett begonnen, die Sonne scheint, der Himmel ist blau – der Tag ist wunderbar; und weil thruhiken auch ein unmittelbares Genießen des Momentes lehrt, taucht das kritische „noch ist dieser Tag wunderbar“gar nicht erst auf. Vielmehr wird dies recht bald irritiert durch eine Gruppe Kids, die im nahe gelegenen Wald wohl die Nacht campiert hatte, weniger, weil sie es bei der Kälte tat, sondern weil ihr Gruppenleiter, aussehend wie eine Mischung aus Pfadfinder und dem Klischee eines orthodoxen Juden mit Kippa und Zizijot, die aus seinen schwarzen Fleece herauslugen, aber auch das war es nicht, sondern vielmehr seine Bewaffnung. Ein silberner Colt hängt an seinem Gürtel und wir unken, dass – beide selber gestählt in der mehrmaligen Betreuung von Jugendfreizeiten an der Costa Brava – dies durchaus verständlich sei, um eine Horde Jugendlicher unter Kontrolle zu halten. Aber ernsthaft: wegen der Schakale? Oder einfach ein Waffennerd, der seit der Liberalisierung der Waffengesetze durch die Regierung Nethanjahu Waffe trägt. Wir haben, nach dem wir ausnahmslos Jugendgruppen im Beisein von bewaffneten Securities angetroffen haben, dann auch verstanden, dass es etwas mit der innen- und außenpolitischen Lage zu tun hat und nicht mit einem männlichen Waffenfetisch. Jugendgruppen sind im sicherheitspolitischen Jargon nun eben „weiche Ziele“ - wie illusorische dieses Sicherheit ist, hat sich gezeigt als wir bereits drei Tage wieder zu Hause sind und ein Auto in Jerusalem in ein Gruppe Soldaten raste und zwölf von ihnen verletzte.

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Wir laufen mit einer dieser Gruppen gemeinsam Richtung Ga'ai, erst durch einen lichten Wald aus Nadelgehölz und am Fuße ebene jenes Ga'ai überholen wir eine weitere Gruppe und können den Aufstieg und die Aussicht vom Gipfel schließlich alleine genießen. Es ist windig zwar, aber die Sonne und die Anstrengung machen ein kurzes verweilen möglich. Nachdem wir den Wald verlassen hatten, sind die sanften Hügel geblieben ihr Baumbewuchs aber gewichen. Stattdessen ein lichtes Gras, dass auf Ferne so erscheint, als ob des den ganzen Boden bedeckt, es aber nicht tut. Der Kontrast kommt so unvermittelt, dass wir einen Moment gebraucht haben. Oben angekommen ist die Aussicht eine Wunderschöne: Zur Westbank, zurück nach Dvir, im Westen verschwinden die grünen Hügel im Dunst des Morgens, im Osten steht die Sonne noch recht tief und im Süden dünnt sich das Grüne langsam in bräunlichen Dunst auf – irgendwo dort liegt der Negev. Irgendwie dorthin werden wir laufen. Wir freuen uns.

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Richtung Sansana durchqueren wir wieder lichte Wälder und Richtung Meitar Äcker und Plantagen. Und endlich taucht – gefühlt aus dem nichts – aber als dumpfe Gewissheit die ganze Zeit vorhanden, nur in seiner ganzen Monstrosität für uns nicht sichtbar die Mauer zwischen Israel und der Westbank auf: Hier an dieser Stelle eine meterhohe Stahlbetonmauer, mit mindestens noch zwei Metern Stacheldraht oberhalb der Mauerkrone, davor eine asphaltierter Patrouillenweg, dieser ist wiederum mit einem niedrigeren Stracheldrahtzaun gesichert. Zwei Krähen sitzen ganz oben im Stacheldraht, die eine schaut gen Westbank, die andere gen Israel.

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Nicht überall sieht die Mauer so aus, nicht über all ist sie eine Mauer, sondern ein Zaun, nicht überall ist sie vorhanden und nicht überall verläuft sie kongruent mit der Waffenstillstandlinie von 1949, hier tut sie es fast – zumindest auf jenen paar Kilometern an denen sie uns begleitet und hier ist es eine Mauer. Nach Erzählungen eines Freundes, der in Nahal Oz direkt gegenüber von Gaza-City lebt wissen wir, dass es durchaus auch Angriffe mit Panzerfäusten auf Busse oder Autos gibt und gegeben hat, da hier die Straße direkt neben der Grenze verläuft, kann es durchaus sein, dass hier deshalb Stahlbeton verbaut wurde - in letzter Konsequenz wissen wir es nicht. Wir wissen aber auch, dass das Westjordanland nicht der Gazastreifen ist. Was wir nicht wissen und wir nur erahnen können, ist welche Schatten die Mauer auf beide Seiten wirft (und als wir zur Verkündung der so genannten Friedensplan durch Donald Trump direkt neben Gaza-City sitzen, lesen wie die Hamas die „Days of Fury“ ausruft und wir noch in der gleichen Nacht die Kampfflieger als Machtdemostration auch über unsere Köpfe donnern hören, uns der gemeinsame Freund mit einem Lachen, in dem die Spur einen schweren Verzweifelung liegt erzählt, er überlege, wo nun der Boden im Flur so nass vom Baden aller drei Kinder sei, er gar nicht genau wissen wie wir alle sechs binnen von 30 Sekunden im hauseigenen Schutzraum sein sollen, ohne auf den Kacheln auszugleiten. Wir lachen, es nimmt die Schwere, die aus Washington durch den Äther wabert. Wir kleben alle an den Handies und verfolgen die politische Lage. Sie wird uns unmittelbar betreffen, vielleicht heute Abend schon. Es sah schon schlimmer aus, er lacht wieder. Er ist Mitte dreißig und leidet unter Herzrhythmusstörungen und es gibt Tage an denen fühlt er sich einfach besser wenn er nicht direkt jene Straße nimmt, die direkt an der Sperranlage vorbei führt – und das ist nur eine Seite der Geschichte und nur eine Geschichte von den unzähligen und sie ist die tendenziell privilegiertere...). Die Mauer begleitet uns bis Meitar. Wir sehen in der Ferne einen Übergang. Blechlawinen funkeln in der Sonne, wir mutmaßen Stau. Nein, ein riesiger Parkplatz. Stimmt wir haben bisher kein Kennzeichen aus den palästinensischen Autonomiegebieten gesehen... Wir diskutieren mal wieder die Unterschiedlichen Aspekte des Konfliktes und beenden das Gespräch wie so häufig mit einem resignierend seufzenden Schulterzucken.

In Meitar haben wir Resupply und Wasserkaufen eingeplant und wir haben auch richtig Bock auf geilen Scheiß – Essen ist einfach etwas so profan Basales, dass selbst 100 Jahre Konflikte in dieser Weltgegend nicht gegen ankommen. Pastramisandwich! Oder Baba Ganush! Oder Hummus! Oder! Oder! Oder!... wir ergehen uns in unserer Phantasie und laufen mit erhöhtem Speichelfluss durch die Neubau- und Baustellenvororte von Meitar bis wir endlich im gelobten Land des Hikertrashs stehen: Supermarkt! Und Halleluja: ein großer Supermarkt!

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120 Schekel später und sehr viel glücklicher, ist der Rucksack dann doch deutlich schwerer und es ist dann doch mehr geworden als geplant. Pastrami-Käse-Sandwich ist es geworden und es war köstlich! Danach improvisieren wir uns durch ältere Neubaugebiete und die kleinstädtische Naherholung in Form von Grill- und Picknickplätzen, wieder durch einen lichten Wald gen Trail. Als wir diesen erreichen, erreichen wir auch recht bald das Ende des Waldes.

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Wir laufen über karge Hügel, die Sonne senkt sich im Südwesten bereits und lässt die ein wogendes Meer aus Hügeln im Dunst verschwinden. Eine karge Schönheit und Ruhe strahlen sie aus, wir befinden uns im Übergang Richtung Wüste. Die Vorfreude steigt. Im Osten weitere Hügel, wir immagnieren, dass schon bald hinter diesen, die weite Ebene des Toten Meeres und des Jordantales auftauchen – blanke Illusion, wir sind noch nicht mal in Arad... aber die Euphorie, verzerrt die Vorstellung von Raum und Zeit. Wir sind bisher am heutigen Tage auch Kilometermäßig recht gut voran gekommen, A.s Ferse hat der gestrige kurze Tag gut getan und bedankt sich mit weniger Schmerzen. Die Wege sind gefällig gut zu laufen und die Aussichten sind wunderbar – Negev wir kommen!

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Zunächst stehen wir aber im sprichwörtlichen Wald. Am späten Nachmittag passieren wir die Ausgrabungsstätte Jattir, schon in der Bibel erwähnt und stehen in Israels größten aufgeforsteten Wald. Eine 30 Quadratkilometer große lichte Anpflanzung von einer Millionen, vornehmlich, Aleppo-Kiefern und Mittelmeer-Zypressen. Im ersten Moment sind wir etwas enttäuscht, hatten wir uns schon vorgestellt auf einer der kahlen Höhen unser Zelt aufschlagen zu können und dabei zu sehen können wie die Sonne im Westen hinterm Horizont verschwindet. Hoffnungslos naturromatisch arrangieren wir uns damit, dass wir gegebenenfalls keinen Sonnenuntergang vor dem Zelt genießen können. Wir erhöhen das Tempo etwas und finden eine geeignete Stelle. Eine nach einer Seite offene Senke, flach, und tatsächlich recht sonnenuntergang-guck-freundlich. Als wir gerade dabei sind die Gegebenheiten zu sondieren hält ein Militärjeep neben uns und fünf Augenpaare mustern uns freundlich und neugierig. Wir werden auf hebräisch angesprochen. „Sorry, we don't understand“, kurze Rücksprache im Fond, „Do you need help“, „No, Thanks, we are fine“, „Do you have everything do you need? Water?“ „Yes. Thank you“ „Okay. Enjoy your stay in Israel“ wir reiben uns den Staub und die Verwunderung aus den Augen. War das gerade real?

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Mit einem breiten Lächeln ob der Surrealität des eben erfahrenen bauen wir das Zelt auf, entdecken sogar eine Feuerstelle, was meine Freundin in helle Aufregung versetzt. Also verfolgen wir die Arbeitsteilung wie schon zuvor, wenn es die Möglichkeit zum Feuer machen gibt: Ich kümmere mich um Haus und Herd und sie sammelt Holz sowie brennbaren Müll und macht Feuer. Der Wind trägt die Rufe des Muezzin zu uns, wir wähnten uns tiefer im waldigen Nirgendwo. Entweder der Muezzin oder unsere Anwesenheit wird eifrig von Schakalen kommentiert, ein Exemplar ist sogar sehr neugierig und läuft in einer halben Ellipse in vielleicht 20, 30 Metern Entfernung um uns herum, die Augen des Schakals schimmern grünlich in der Dunkelheit, mich macht seine Nähe und scheinbare Neugierde etwas nervös, meine Freundin juckt das nicht. Ich plädiere dafür heute das Essen und alles auf jeden Fall im Zelt zu lagern -als ob wir das nicht jede Nacht so gemacht haben, ich spreche aber auch vornehmlich mit mir selber. Tiefflieger jagen zum Einschlafen über den Wald.

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Mit einem schmunzeln erinnere ich mich an meine ersten drei Wochen auf dem E1E5-Thru, als ich gefühlt jeden Insta-Post mit „Die Nacht war saukalt...“ begann und so wollte ich auch diesen Absatz so beginnen, bis mir diese Volte kam – aus meinen Schmunzeln wird ein feistes Grinsen, aber ich sitze ja jetzt auch im warmen. Diese Nacht kratzte haarscharf an unteren Temperaturlimit unserer Ausrüstung, das wir recht großzügig mit so um die 4 Grad bemessen haben. Auf dem späteren Weg sehen wir in schattigen Senken Pflanzen mit Frostschäden – während ich ein Landkind bin, ist A. Großstädterin mit elterlicher Schrebergarten-Sozialisation und entsprechenden Blick für sowas – es war sehr kalt heute Nacht, der Kondens ist aber weiterhin flüssig an der Zeltdecke, also nicht sooo kalt. Kalt genug um schlecht zu schlafen, irgendwo an den Rändern des Komfortbereichs.Wach macht mich aber der Muezzin. Ich öffnen den Zelteingang. Eine Gruppe Soldaten joggt vorbei. Guten Morgen. Kaffee. Schnell Packen. Bewegung hilft gegen die Kälte.

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Die restlichen acht Kilometer des Yatir-Waldes, sind weiterhin lichtes Nadelgehölz und ein dichter, sattgrüner Grasteppich, einzelne florale Farbtupfer am Wegesrand – wir verlieren den Trail bzw. die Traimarkierungen und laufen freestyle weiter bis wir wieder Markierungen finden – auf einer Anhöhe stehend eröffnen sich Blicke gen Norden Richtung Westbank und im Süden der Judäischen Wüste – unwirklich im Welt zu stehen und auf braue, karge Hügel zu schauen, die sich im Dunst des Horizonts verlieren. Genau so unwirklich erscheint der Hügelrücken dem wir nun folgen, auf der einen Seite noch Wald, auf der anderen bereits die Andeutungen der scheinbaren Unwirtlichkeit dessen was uns demnächst erwartet.

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So plötzlich wie der Wald anfing, hörte er auch auf. Wie ein Finger ragt dieses letzte Stück in die Judäische Wüste. Wir stehen in Schotter, Steinen, Sand bedeckt mit niedriger staubiger Vegetation. Der Weg beschriebt eine Kurve gen Süden und einen Aufstieg auf einen weiteren Hügelrücken – oben angekommen, empfängt uns ein grimmig kalter Wind, der mit aller Kraft an uns zerrt und ab und an die Balance von uns beiden auf die Probe stellt.

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Wir steigen den Hügel Richtung Drijat – einer Beduinen-Siedlung – ab und treffen auf der Höhe des nahen Steinbruchs M. -sie ist Shvil-Thruhikerin, sie hat ebenso wie wir im Norden angefangen, in Tiberias aufgesteckt ist nach Eilat und Flipflopt nun NoBo nach Tiberias, wir haben uns über Insta connected und hielten uns über Trail-Klatsch und Tratsch, Befindlichkeiten, Wetter und Trailbedingungen auf dem laufenden – wir schnacken eine Weile. Sie warnt uns noch vor den berühmt-berüchtigten Hunden bei Drijat, die sie angegangen haben und sie sich nur mit Steine schmeißen vom Leibe halten konnte – die Saison auf den Shvil hat noch gar nicht richtig angefagen und es sind bereits zwei Hiker*innen gebissen worden. Ja, wir haben von ihnen gelesen und sondieren beim weiteren Abstieg das Gelände – den taktischen Vorteil der Fernsicht ausnutzend. An dem Dorf angekommen, gibt es eine Gruppe Hunde, die gelangweilt im Müll wühlt und sich nicht für uns interessiert. Bei der nahen Siedlung sieht es anders aus. Wir beobachten die Hunde, zwei, drei, alle in Wegnähe – Okay, da müssen wir durch. Die Hunde -zumindest, diejenigen welche wir sehen können – nehmen zunächst keine Notiz von uns. Bis einer anschlägt – der Rest ist Rudelverhalten, wir sehen uns auf einmal von fünf, sechs Hunden umringt, die aggressiv uns stellen. (es gibt ja einen thread hierzu, was tun bei solchen hunde attacken, hier unser Beitrag zu dieser Debatte:) Wir machen uns groß, schreien laut Hey! Was!? Verpisst Euch! Ey! Werfen Steine, tun so als ob, das schüchtert sie ein Beide Parteien haben ihre Grenzen klar gezogen und wir können umsichtig an den Viechern vorbei ziehen. Bis... naja, zur nächsten, locker ein Dutzend Tiere zählende Gruppe. Pffff. Wir gucken ihnen dabei zu, wie die Rüden ihre Rangkämpfe auskämpfen (wir deuten dies so, weil der Sieger, dann die nächstbeste Hündin besteigt – wir sind Gesellschaftswissenschftler*innen), die Stimmung ist aggressiv, aber sie sind mich sich selber beschäftigt. Wir können sie im großen Bogen umlaufen... Das lief alles in allem ganz gut. Meine Freundin hat Angst vor Hunden, seit ihrer Kindheit, ein fucking Trauma und das hier war nichts anderes als Konfrontationstherapie im Doom-Mode – danach konnten wir in der Reflexion der Situation konstatieren, dass sie es nicht nur erfolgreich geschafft hat sich dieser Meute zustellen, sondern auch das ermächtigende Gefühl von Handlungsfähigkeit hat sich eingestellt – irgendwie hat alles immer dann doch seinen Sinn.

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Stumpfisinnige Pace-Strecke durch öde, verstaubte Äcker mit eingepfügtem Müll, vorbei an Janabib, einer traurigen Ansammlung von Trailern und Wellblechhütten und Autowracks, den Ruinen Tel Arads, durch Obstplantagen durch die Gazellen jagen, vorbei an verlassenend Autorennstrecken, an Zäunen voller Plastiktüten an denen der Wind reißt, bleigrau drückt sich der Himmel flach über die Landschaft – die letzten Kilometer nach Arad sind steinige Schotterhügel, Parkplätze und Müll der sich in den Senken der Wadis sammelt – neben der Nationalstraße 31, in den Wind mischt sich das Dröhnen der LKW's und Busse, eine Schießanlage ist in Hörweite, MG-Salven werden vom Wind verwischt. A.'s Ferse kapituliert auf den letzten Kilometern Schotter und sie humpelt gen Stadtrand. Also Superpharm. Bandage zur Unterstützung und neue Schmerzmittel. Kaufen noch schnell Abendessen und ein Feierabendbier und machen uns auf die Suche nach dem Wohnort unseres Trail Angels. Dieser wohnt am Stadtrand und wir bekommen eine recht günstige City-Tour, das der Bus wirklich einmal durch alle Stadtteile fährt...

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Abends hängen wir bei Hagit auf dem Sofa, gucken mit ihr Fernsehen und unterhalten uns via google Translate. Die USA haben Soleimani liquidiert und bei seiner Beerdigung sterben 40 Menschen; Jahrhundertregen hat zwei Menschenleben in Tel Aviv gekostet, der Schnee bzw. seine Mengen im Golan, sind so außergewöhnlich, dass auch sie es in die Nachrichten schaffen... Mittendrin, statt nur dabei

Der Tag beginnt mit den großen gesellschaftlichen Bruch- und Konfliktlinien der israelischen Gesellschaft im alltäglichen Kleinklein: Wir wollen den Bus Richtung Innenstadt nehmen und A. wird der Zutritt verweigert – weil sie Frau ist „No! Charidim! No! Charidim!“ - vielleicht hätte sie auch hinten einsteigen können, wir wissen es nicht, die Tür geht zu der Bus fährt weg – uns fällt auf es sitzen nur Männer drin. Konstaniert warten wir auf den nächsten. Mittlerweile haben gewohnheitsrechtlich – unter Missachtung der israelischen Verfassung und der 50% säkularen Israelis - ultraorthodoxe Charidim in vielen Buslinien eine Geschlechtersegregation durchgesetzt, der sich gegeben falls auch unter Missachtung der körperlichen und psychischen Integrität der Frauen Nachdruck verleihen – die israelischen Medien, sind voll mit Berichten von Strafverfahren gegen Charidim, die Frauen, die sich nicht in den hinteren Busteil gesetzt haben, beschimpft, bespuckt und/oder körperlich angegriffen haben. Willkommen, auch das ist Israel.

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In den nächsten Bus dürfen wir beide einsteigen. In der Innenstadt kaufen wir noch schnell ein kleines Frühstück und Abendessen – heute recht entspannte 24 Kilometer bis zum Masada Nightcamp. In einer Bäckerei decken wir uns mit süßen Perversitäten ein, frühstücken noch in der Wärme der Shopping Mall, es ist unglaublich kalt heute.

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Als wir Arad verlassen empfängt uns ein scharfer Wind, der den Maschinengewehrsound des nahen Schießplatzes herüberweht, flächig verteilt sich ein auf und abschwellenden TACK-TACK-TACK-TACK über die kargen Hügel der Judäischen Wüste. Der Himmel bietet ein unglaubliches Schauspiel – der Wind schiebt Wolken zu grauen, dichten, mal bleigrauen, Flächen zusammen, reißt sie wieder und taucht die Wüste in ein intensives leuchtendes Gold, um kurz darauf die Wolken wieder zu vertreiben und große strahlend blaue Löcher sich zeigen, durchsetzt von Wolkenfetzen, die durch den Wind wieder zu dunklen Flächen zusammengeschoben werden, die die Hügel in ein diffuses, staubiges Licht tauchen – wunderschön. Wir kommen sehr langsam voran, der Weg ist sehr geröllig, ein Alptraum für A.'s Ferse. Nach sieben Kilometern müssen wir auf die Straße nach Kfar Hanokdim wechseln, sie kann nicht mehr, zwei Ibus und der roadwalk ist gesichert. Wir beschließen, nur bis zur Oase und dem dort angesiedelten Hotel zu laufen, statt nach Masada, Neroday, Fuss hoch und planen was mir mit dieser Situation anfangen.

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Roadwalks, wenn sie durch eine ansprechende Landschaft verlaufen können ja auch was gutes – etwas kontemplatives haben – dem ist hier so. Wir werden von Militärkonvois überholt, Touristenbussen und verbeulten Pick-Ups. Als Wir Kfar Hanokdim erreichen und fragen ob sie etwas frei haben - „Yes, sure!“: 100 NIS für den Campingplatz für uns beide oder 400NIS pro Person für das Hotelzimmer – Aha! Wir erbitten Bedenkzeit. Wir werden erst einmal in ein großes Zelt gesetzt – windgeschützt, aber unbeheizt, bekommen einen Tee und werden dann erst einmal vergessen. An der Rezeption sitzt auch niemand. Naja, der Spielraum ist recht begrenzt bis Alizah vor uns steht: Für 50NIS pro Nase können wir in eines der großen Gruppenbeduinen Zelte und wenn wir wollen können wir am all-you-can- eat Büfett für 50NIS p.P. teilhaben. Okay Deal- machen wir. Kfar Hanokdim macht als Desert Ressort, damit Werbung, dass es nur drei Tage im Jahr regnet. Es regnet gerade. Was unsere Entscheidung maßgeblich beeinflusst – wie richtig sie war zeigt sich die Nacht, in der es noch einmal ordentlich runterkommt und die Temperaturen noch einmal empfindlich abstürzen (wieder in den Grenzbereich unseres Set-Ups). Wir gammeln also den rest des Tages in diesem fussballfeldgroßen Beduinen-Zelt, hören Podcasts, dösen, versuchen Zeit totzuschlagen bis zum Abendessen um 18 Uhr.

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Natürlich machen wir noch sinnhaftes und entwerfen einen Plan wie es weitergehen soll unter dem Umständen der körperlichen Versehrtheit und zu allem Überfluss hat die National-Parkverwaltung, sowie der israelische Wetterdienst wieder Flashflood-Warnung für den nördlichen Negev ausgerufen. Wir improvisieren seit wir auf dem Trail sind entweder ums Wetter oder körperliche Gebrechen herum – gefühlt kaum ein normaler Tag. Naja, das ist der Plan: Morgen via Masada, nach En Bokek am Toten Meer, da ist ein Camp Ground mit Wasser und leidlich Infrastruktur; bis Masada auf der Straße, Masada 6 Km Schotter, kann gehen -muss gehen, danach roadwalk nach En Bokek, mit der Möchlichkeit zu hitchhiken, ungefähr so sollten sich 16 Kilometer ab Masada bewerkstelligen lassen und die 11 Kilometer nach Masada selber... müssen halt auch. In En Bokek, ein oder zwei Tage Zero für die Ferse. Danach 7 Kilometer bis Neve Zohar testen ob die Ferse hält, weil wenn sie das nicht tut, werden wir nicht durch den Negev laufen – die Planungen bezüglich des Wassers basieren darauf, dass wir an manchen Tagen einfach Strecke machen müssen... also wir hadern mit dem Tourabbruch. A. ist zuversichtlich, ich beginne mit der Trauerarbeit und dem Abschied.

Das Abendessen präsentiert sich dann doch nicht als all-you-can-eat sondern als Drei-Gang-Menü, dass so reichhaltig bemessen ist, dass es einem all-you-can-eat in nichts nachsteht. Zum „Glück“ schmeckt der Basbousa und das Kadaif nicht sooo lecker, sonst hätten wir platzen müssen. Wir rollen satt und glücklich in unser Nachtlager.

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Wir haben mollig warm geschlafen und starten in den verregneten Morgen. Hieß es in dem Werbeprospekt des Hotels/ Camps drei Tage Regen im Jahr? Tag zwei. Es ist natürlich auch „unseasonable cold“, die Standardphrase des israelischen Wetterberichts seit wir da sind, neben den Stichwörtern „windy“ und diversen Regenabstufungen – wir würden diesen morgen als leichten Nieselregen, durchsetzt mit einzelnen Schauern bezeichnen.

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Grau und schwer liegt der Himmel über uns, im Süden und Osten durchsetzt von blauen Löchern, die die ganze Szenerie in ein eigentümliches Licht taucht; dumpf, diffus, im Norden verwaschen dunstig, im Süden zeichnet sich der nahe Horizont scharf gegen den bleiernen Himmel; kräftige, warme Farbtupfer aus Sonnenlicht im wogenden Hügelmeer und ein Regenbogen. In der Ferne erhaschen wir unsere ersten Blicke auf eine tiefe bleifarbene Senke, begrenzt von einer Wolkenwand in der sich das ostjordanische Bergland erahnen lässt, in der in unterschiedlichen Azur- und Türkistönen, die Karrees der Salzbassins des südlichen Toten Meeres – bis wir endlich an der Abbruchkante zum Jordangraben stehen und sich vor uns in einer schieren unendlichen Weite der tiefste Punkt der Welt erstreckt. Das nördliche dunkele Tote Meer verschmilzt gen Norden mit dem Horizont zu einem diffusen grau; im Süden bricht gerade der Himmel auf und gleißendes Sonnenlicht ergießt sich in die Ebene und lässt die Salzbassins strahlend leuchten, zeichnet den Vordergrund des trockengefallenen Toten Meeres in scharfen Strichen während der östlichen Hintergrund in graues Nichts diffundiert. Es ist schier unbeschreiblich, was wir hier sehen.

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Durch die Szenerie rollen nun auch die Myriaden von Reisebusse mit Tagestouristen aus Tel Aviv und Jerusalem, auf dem Weg zum Welterbe Masada – eine auf einem Tafelberg von Herodes I. erbaute Festung, die im jüdischen Krieg gegen die römische Besatzung eine bis heute zumindest nachhallende symbolpolitische Bedeutung für jüdisch-israelische Identität besitzt, steht sie doch für den Widerstandwillen, Unbeugsamkeit und des Freiheitswillen des jüdischen Volkes: vor die Wahl gestellt, nach zwei Jahren Belagerung und in Erwartung eines römischen Strumangriffs, entweder in Gefangeschaft zu gehen oder als freie Menschen zu sterben, entschieden sich alle zum kollektiven Freitod. Erst 1991 hat die IDF ihre militärische Abschlusszeremonie für die Rekrut*innen der Grundausbildung hier abgeschafft, „Masada darf nie wieder fallen!“ mag zwar für die Widerstandsfähigkeit des Judentums symbolpolitisch dienlich sein, der Fanatismus, der sektenähnlichen Sikarier und kollektiver Freitod vielleicht nicht. Das tut den Bussen, die uns ab nun bis Masada begleiten keinen Abbruch, da gehetes ja auch um was anderes: Bucket-Lists, Insta-Stories, Kultur als Massenware, Drehorte der Bibel besuchen, Geschichte hautnah oder wie wir, der Shvil läuft nunmal dran vorbei.

Vorbei? Nee, ja doch nicht. Am Eingang wird uns vom Parkranger wird uns mitgeteilt, dass der Weg wetterbedingt unpassierbar sei, wir können aber über die Festung laufen und auf der anderen Seite absteigen und dann über die Nationaroute 90 Richtung Süden. Kostet 62 NIS. Wir sind Shvilis und müssen drüber, weil es keinen anderen Weg gibt, wird würden ja, wenn der Weg nicht gesperrt wäre. Kostet trotzdem 62 NIS! Pfff. Okay. (Ich reg mich drüber auf, wenn du den E5 durch die Bletterbachschlucht läufst, sagst du am Counter, das Zauberwort ich bin E5-Thruhiker und du bekommst einen Helm und Zahlst keinen Eintritt, weil du nunmal keine Wahl hast als da lang zu laufen – zahlen kannst du ja der fairnesshalber trotzdem... egal) Wir laufen genervt, die alte römische Belagerungsrampe zur Westmauer hoch, australische Bibletouristen, die sich mit dem Bus haben bequem herkarren lassen, lachen „Are you climbing the Mt. Everest“... „Nein, tun wir fucking nochmal nicht! 1000Km durch heilige Land und du so!?“... wir stapfen weiter.

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Oben angekommen, Schokoriegel, ein paar Fotos und die Frage wie geht es runter. Über den Schlangenpfad, der ist offen. Juchee, ein kniefreundlicher Abstieg beginnt und wir sind am Besucher*innenzentrum. Nochmal Schokolade. A.'s Ferse geht es dank, der meisten Zeit auf der Straße laufen den Umständen entsprechend gut. Jetzt noch mal 16Km roadwalk nach En Bokek. Nun denn? Wir gucken uns den Himmel an, der Wetterbericht, sagt es sieht wilder aus als es ist, kein Regen.

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Wir laufen los und wissen aus Erfahrung, im Regen hat uns noch niemand stehen gelassen, also kann sich der Wetterbericht auch irren... nach einer Stunde an der 90 entlang hält ein Taxibus random neben uns, wollt ihr nach „Wo wollt ihr hin“, nach En Bokek „20 NIS“, wir gucken uns an, zucken mit geschürzten Lippen mit den Schultern, nachdem wir noch einmal die Straße entlang geschaut haben und steigen ein.

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In En Bokek stehen wir vor einem trostlosen Schotterparkplatz, auf dem Paletten mit Verbundpflastersteinen sorglos mit rot-weißem Ansperrband gesichert, das lose im Wind flattert, Plastikmüll wird über den Platz getrieben, dazwischen verteilen sich eine handvoll Wohnwagen, zwischen die wiederum drei, vier Zelte eingstreut sind, sowie ein paar Autos, die hier wirklich parken. Hm. Google-Maps hat ja bekanntlich immer recht und somit ist das wirklich En Bokek Night Camp und fließend Wasser gibt es auch. Okay. Wir setzen uns auf die nächste Bank, nachdem wir die nächstgelegende öffentliche Strandtoilette aufgesucht haben – und wir danach wussten, dass wir sie nicht wieder aufsuchen werden – und essen Stulle. Naja, es ist hier wirklich schonmal deutlich wärmer, als in Kfar Hanokdim, es soll nicht regnen, auch wenn es beständig so aussieht und es gibt sage uns schreibe, vier Shopping Malls, zwei verfügen über freies WLAN, in der einen sind die Toiletten sauberer als unsere eigenen (und dass will was heißen), eine leidliche große Auswahl an unterschiedlichen Gastronomien mit freizugänglichen Steckdosen – hier können wir es durchaus aushalten (zwangsläufig).

Auch wenn es eine steoretype Darstellung ist, aber es gibt ja Menschen, vornehmlich Teenager, die wirklich in viel Zeit in Malls ruimhängen, wir sind schon vom Nachmittag des ersten Tages so weichgespült in der Birne, dass wir entschließen, dass A.'s Ferse nur einen Tag Ruhe bekommt, wir die Flashflood-Warnungen für die Judäische Wüste und das Jordantal einem Realitätscheck vor Ort unterziehen – also, wir sie vorsichtig ignorieren... Auf Insta berichteten andere Shvil Thru's, dass sie wegen eben jener Flashflood-Warnungen fünf – noch einmal FÜNF! - Tage in En Bokek festhingen – Chapeau! Ich wäre durchgedreht... A. wäre durchgedreht... Ergo ein Zero. Morgen geht’s weiter. A. sagt ihre Ferse kriegt das morgen hin. Inshallah!

Die Beschaffenheit des Trails hat da ja noch ein Wörtchen mitzureden...

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...to be continued...

bearbeitet von effwee

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    • Von Mars
      Vom 22. September bis zum 11. Oktober 2019 wanderte ich vom Kibbuz Dan im Norden Israels bis nach Arad, dem letzten Ort vor der Wüste im Süden Israels. Insgesamt wanderte ich über sechshundert Kilometer durch Israel. Meine Art zu Wandern würde ich immer noch als Fast & Light bezeichnen - für Israel um diese Jahreszeit eher mässig gut geeignet. 
      Nachfolgend meine „Learnings“:
      Vorfeld
      Ich unternahm wenig Recherche, und stützte mich auch auf die Seite von Christian Seebauer. Er bezeichnet den INT als Alternative zum Jakobsweg. Diese Seite idealisiert den INT in teilweise problematischer Weise. Er tischt keine Lügen auf, aber ein sehr ernstes Problem, auch für politisch überhaupt nicht interessierte, taucht auf seiner Seite nie auf.
      Das allergrösste Problem für Hiker: Müll. Wer sich entschliesst den INT zu wandern, muss sich bewusst sein, dass er täglich an Müllbergen vorbei und durch Müllhalden hindurch wandern wird. LNT ist in der Gegend leider unbekannt. Alle lassen ihren Müll einfach liegen. Unabhängig von Herkunft oder sozialer Schicht. Um Tel Aviv findet man Gu Beutelchen d.h. eher hochpreisige Spezialsportnahrung auf dem Trail (was anderswo völlig verpönt ist), rund um Landwirtschaftsbetriebe was dort halt so anfällt. Es fällt eben sehr viel an. Der INT ist leider IMHO ungefähr so sehr eine Alternative zum Jakobsweg wie Herr Trump zu Herr Obama. 
      Alles wird in der Natur entsorgt. Autos, Ölkanister, Farbe, Aludosen sowieso. PET-Flaschen werden in Israel offenbar aus höchst demetrigem, biodynamischem Dünger hergestellt. Anders ist die Zahl dieser Flaschen in der Natur nicht erklärbar – weshalb kommt jemand auf die Idee, eine leere Flasche mit sich herumzuschleppen? In Europa ist ein sinnvollerer Umgang mit Plastik im Gespräch, in Israel pflegt man Plastik einfach in der Natur abzulegen. 
      Israel ist ein Hightech-Land, namhafte Software-Hersteller haben hier Entwicklungszentren, in manchen Bereichen waren und sind sie weltweit führend. Genügend Mittel, um etwas gegen den Abfallwahnsinn zu tun, wären durchaus vorhanden oder liessen sich organisieren. Wer in Israel LNT praktiziert kommt sich vor wie ein Idiot. 
      Würde der PCT irgendwo so aussehen wie der INT überall aussieht, auf dem PCT würde der Abschnitt umgehend geschlossen. Ranger oder das entsprechende Sheriffs-Department würden den Trail als Gefahr für die öffentliche Gesundheit einstufen. Volunteers würden den Trail in tagelanger Fronarbeit reinigen. Wie auf dem AT würde man den Trail anschliessend quasi überwachen (mittels Ridgerunners oder ähnlich).
       
      Das ist leider noch nicht alles. Aufgrund der Bodenbeschaffenheit ist ein wichtiges Element von amerikanischem LNT in Israel nicht umsetzbar. Ein sogenanntes Cathole zu graben, ist unmöglich, da der Boden entweder zu felsig oder Betonhart getrocknet ist. In Israel müsste man statt einem Schäufelchen eine Spitzhacke mitführen. In den USA werden diese Löcher vor allem gegraben, um das ästhetisch störende WC-Papier zum Verschwinden zu bringen. 
      Was unternimmt mensch in Israel dagegen? Leider gar nichts. Beispiel: «Ein Kobi» Campingplatz, ein paar Stunden zu Fuss südlich von Jerusalem. Landschaftlich gesehen ein Traum, monatelange Planung eines toskanisch inspirierten Architekten brächte kein besseres Resultat. Teile der Anlage sind sogar historisch, es gibt eine Quelle. Der Platz wird offensichtlich von Gruppen genutzt. Die erste Ebene an der Strasse ist denn auch relativ sauber, es finden sich nur kleinere Gegenstände wie Kaffeebecher, Einweggeschirr und unzählige Haargummis am Boden. Die nächste Ebene gegen den Wald dient aber als gigantisches WC. Wie im Kuhstall, einfach für Menschen. Es riecht. Im Norden wiederum ist wirklich jedes Plätzchen entlang des Trails gründlichst eingeschissen. WC Papier mitzuführen halte ich grundsätzlich überall auf diesem Planeten für überflüssig. Es ist weder ultraorthodox LNT und vor allem noch nicht mal UL! 
      In Israel und für Israel gibt es eine Organisation, die seit der Staatsgründung und zuvor Milliarden in die Aufforstung des Landes investiert hat. Der Israel National Funds hat ganze Wälder gepflanzt. Es wurden unzählige Picknick-Plätze angelegt (ja, es gibt mittlerweile zu viele), jeweils gestiftet von Personen aus aller Welt. Diese Orte dienen auch der Erinnerung an im Holocaust ermordete jüdische Personen oder an Personen, die durch ihr Wirken während der Nazi-Tyrannei Juden gerettet haben. Auch für gefallene israelische Soldaten gibt es Gedenkstätten. Und alle Plätze haben eines gemeinsam: Müll und Toilettenpapier überall (sogar bei den Gedenksteinen für Gefallene – ich bin auch nicht immer 100 % mit allem was so geschieht einverstanden, würde mich aber trotzdem aus Respekt niemals über oder neben einem solchen Stein erleichtern). Bei einem Stein für Simon Wiesenthal habe ich den Busch vornedran zurückgeschnitten. 
      Die Gedenktafeln sind in jeweils unterschiedlichen Sprachen angeschrieben. Ich verstehe kein Hebräisch, aber ein Name, kombiniert mit der Jahreszahl 1944 bedeutet leider nicht, dass diese Person im 1944 im Lotto gewonnen hat. Die vielen Gedenktafeln erleichtern das Verstehen der Situation und ich habe mir die Mühe gemacht, jeden einzelnen davon anzuschauen und die Namen bei Unklarheiten zu googeln. Es gibt sogar Schilder, die gegen Littering an den Patriotismus appellieren, im Sinne von «honor the fallen». Arabische Texte auf mehrsprachigen Schildern sind oft zerkratzt, dafür Gedenkstätten für gefallene Israelis mit arabischen Schriftzügen versehen. Wahrscheinlich sind dies keine Beileidsbekundungen. 
      Ich habe einmal eine Aufräumcrew des JNF gesehen. Es waren zwei Personen, die mit einem VW Bus unterwegs waren. Abfall haben sie mit blossen Händen eingesammelt. Damit kommt man leider überhaupt nicht weit. Die allermeisten Plätze, die ich gesehen habe, würden den Einsatz von duzenden Personen während einem ganzen Tag gut vertragen. Dies gilt für den ganzen Trail, an manchen Orten ist der Einsatz von schwerem Gerät unabdingbar (es gibt etwa ein duzend Autowracks auf dem Trail). Ich kam auch an einem Jugendcamp des JNF vorbei (eingezäunt und bewacht). Ausdrücklich stand dort Education am Eingang, dazu ein Bär, ähnlich Smokey in den USA, der eine Tanne umarmt. Hoffentlich lernen die jungen Leute dort, weshalb Littering eine ganz schlechte Idee ist. 
      Übernachten
      Israel ist ein kleines Land. Einfach das Zelt aufzustellen ist möglich, jedoch muss mit allerlei Störungen während der Nacht gerechnet werden. Da es tagsüber heiss ist, ziehen es Israelis vor, in der ganzen Nacht Sport zu treiben. Selten alleine. Aus Naturschutzgründen habe ich auch in Israel meist darauf verzichtet, wild zu campen. Campen an den Picknickplätzen ist grundsätzlich toleriert. Israelische Hiker ziehen es aber vor, innerhalb der Kibbuz zu übernachten. Dies bedingt umfangreiche Planung. Aus einleuchtenden Gründen sollte man darauf verzichten, Zäune in der Nacht übersteigen zu wollen. Wenn ich in der Nacht an solchen Orten vorbeigekommen bin, habe ich mich sehr langsam bewegt und in jede Kamera gelächelt sowie am Tor den Security gefragt, ob ich Zelten könne. Sie reichten mir jeweils das Wasser durch das Gitter. Die Securities reagierten völlig verstört auf mein Auftauchen. Offensichtlich hält sich die Zahl von Nachtwanderern in Israel in sehr engen Grenzen. Während den Nächten habe ich auch nie jemanden getroffen. Es gibt eine Trailangelliste. 
      Auch für wildes Campieren empfehle ich dringend den Einsatz von Silikon-Ohrstöpseln. Grund: Irgendwo ist immer ein Fest mit wummernden Bässen, Hunde bellen immer wieder gerne, mensch ist in der Nähe einer Autobahn, einer grossen Stadt etc. Es ist nicht so wie auf dem PCT, wo mensch sich vom Wind in den Schlaf säuseln lassen kann. Auch wird etwa im nahe gelegenen Steinbruch bis um Mitternacht gearbeitet usw. Ich musste zweimal während der Nacht umziehen, weil Einheimische die Funktion ihrer Soundanlagen in den höchsten Leistungsstufen überprüfen mussten. Auch sind Angaben in englischen Foren zu Orten, an denen mensch übernachten soll, falsch. Es wird empfohlen, ausserhalb von Nahal Me'arot, einem Nationalpark, zu übernachten. Der Ort ist während der Nacht nicht bewacht, die Ranger haben mich aber mehrmals gefragt, ob ich da übernachtet hätte. Ich habe darauf verzichtet, ihnen zu erklären, dass ich aufgrund Angaben aus dem einzigen Guidebook zum INT da genächtigt habe. Immerhin ist der Platz dort einer der ganz wenigen sauberen in ganz Israel. 
      Sehr empfehlenswert sind die Abraham Hostels in Tel Aviv und Jerusalem. Für Hiker absolut ideal, an beiden Orten gibt es professionelle Waschmaschinen inkl. Seife und Trockner, sowie ein sehr gutes, auch für Hiker geeignetes Frühstück (vegetarisch, Eier gibt es). Die Hostels sind sehr sauber, unzählige Angestellte halten die Infrastruktur aufrecht und putzen rund um die Uhr. Für Säufer gibt es Bars mit allerlei Alkohol. Und je nach Komfortanspruch sind diese Hostels fast gratis. Wer sich grundsätzlich gelangweilt fühlt, kann sich auch arg touristischen Touren anschliessen, Besichtigung der Sperranlage in Ramallah inklusive.
      Wer die Wirklichkeit des Lebens in den besetzten Gebieten erfahren will, muss aber nach Nablus und Jenin und sollte auch versuchen, in den Gazastreifen zu reisen (wem dies zu gefährlich ist, dem rate ich grundsätzlich zu Hause auf dem Sofa sitzen zu bleiben, hoffentlich schlägt der Meteorit anderswo ein). Die Sperranlage kann vom Trail aus zur Genüge begutachtet werden, nicht so die Checkpoints. Jedes Mal, wenn ich einen dieser jungen Soldaten gesehen habe, wünschte ich mir, er und alle seine Feinde würden im Schlaf sterben und zwar frühestens in 120 Jahren oder so.   
      In Israel gibt es Schakale, Hyänen und Wölfe sowie wilde Hunde. Nichts davon ist für Menschen gefährlich, die Schakale heulen aber in der Nacht. Trotz der katastrophalen Vermüllung habe ich ein Wolfspaar, Eulen, Fischotter, Wildschweine, Stachelschweine, Schakale und Antilopen gesehen. 
      Reisen
      Es schadet nicht, Begriffe wie Sabbat und andere jüdische Feiertage zu googeln. Das schadet eigentlich grundsätzlich nichts, ich kam mir manchmal vor wie ein saublöder Tourist. An Sabbat fahren in Jerusalem keine Strassenbahnen und im ganzen Land keine Busse. Egal was Google maps sagt. Mit Taxifahrern sollte man in solchen Fällen verhandeln. 300 NIS sind weniger als 150 Dollar. Autostop funktioniert noch besser als entlang dem PCT. Hinstehen genügt bereits, das erste Auto hält.
      Kleidung 
      Nach nur fünf Tagen auf dem Trail sah ich aus wie ein Junkie. Meine Beine waren übersät mit blutigen Wunden. Grund: Alle Büsche in Israel haben hübsche Dornen. Nicht wie unsere Brombeeren, sondern richtig und lang. Es gibt Insekten. Der Einsatz von massiven Hosen ist empfehlenswert. Ja, der Trail ist stellenweise fast zugewachsen, vor allem im Norden. Wer mit ähnlichen Hosen wie auf dem PCT loszieht, findet sich bald in einer peinlichen Situation wieder. Patagonia Baggy Shorts eignen sich besser. Vorsicht vor israelischen Kuhgattern. In Europa haben diese einen Winkel von etwa 90 Grad, in Israel ist dieser Winkel kleiner. In Kombination mit Stacheldraht für leichte Rucksäcke gefährlich. Einfach übersteigen.
      Ausrüstung
      Viel Spass mit Trekkingpole Zelten wie dem Zpacks Duplex. Nur empfehlenswert, wenn gleichzeitig eine Bohrmaschine mitgeführt wird. Mein Zelt wurde von Experten als Stupid Lightweight bezeichnet, aber ich konnte es eben freistehend aufbauen (wenn es nicht regnete nur das Innenzelt). Israelis sparen sich den Zauber eines Zeltes komplett und setzen auf Cowboycamping, wenn sie in grossen Gruppen ausserhalb der Kibbuz übernachten. Natürlich bewacht von bewaffneten Guides. Mein Rucksack besteht aus VX21 (Atompacks, ein Traum) wer seinen Rucksack sowieso nach jedem Hike in die Tonne tritt, ist mit einem leichteren Rucksack aus DCF auch gut bedient, einfach 2 - 3 Rollen Panzertape nicht vergessen. Es gibt viele tiefhängende Zweige mit Dornen. Eine stabile Mütze ist empfehlenswert. Am besten ist ein Bedouinhat. Das ist eine Truckerkappe mit einem Tuch über den Ohren und dem Nacken. Solche Mützen tragen in Israel auch Ranger und Bauarbeiter. Aufgrund der Situation lässt mensch die Kofia wohl besser zu Hause. In Israel habe ich genau einen einzigen Menschen mit einer Kofia gesehen – es war der Bierlieferant im Abrahamhostel in Tel Aviv. 
      In der Nähe von Siedlungen aller Art galt jeweils: Stöcke in Schlagbereitschaft halten. Es gibt gestörte Hunde. Nur mit Mühe konnte ich einen davon abhalten, mich anzufallen. Wäre ich nicht grundsätzlich pazifistisch eingestellt, könnte dieses Vieh die Radieschen von unten... 
      Da es in Israel sehr staubig und sandig ist, haben Salomon Schuhe mit dem Speed Lacing System ein Problem. Die Schlaufen scheuern sich durch. Meine Schuhe landeten deshalb bereits im Müll.  Unbedingt das jeweilige Schuhmodel vor der Reise auf abschüssigen Steinplatten testen. Wer rutscht sollte die Anschaffung anderer Schuhe dringend ins Auge fassen. Es gibt viele solcher Platten zu überqueren. 
      Navigation 
      In englischen Foren wird OSM And Maps empfohlen. Die App ist aber veraltet, die Informationen auf der Karte sind wohl seit Jahren nicht mehr aktualisiert worden. Die Karte zeigt beispielsweise bei Nationalparks Campingplätze an, vor Ort gibt es keinen, nur einen Menschenkuhstall. Wer 50 Dollar in etablierte Karten investiert, spart sich viel Ärger. Der Trail ist gut markiert, ausser an drei oder vier Stellen, wo er von Bauern einfach umgepflügt wurde oder von Erdarbeiten verschüttet wurde. Vor Beit Hananya im Norden muss man Zugschienen überqueren. Einfach den Schienen Richtung Süden folgen, auch wenn alles zugewachsen ist. Wenn mensch den Trail verliert, sofort umdrehen und auf selbem Weg zurück, sonst landet mensch in hüfthohen Dornen. Der Trail erlaubt aber auch Nighthiking, zumindest ausserhalb der Wüste. Jemand meinte, dass er in der Nacht in der Wüste von Rangern gestoppt wurde. Israelische Kühe machen keine Probleme. 
      Israelis lieben es, mit allerlei Vehikeln durch die Natur zu brausen. In Europa ist das Befahren von Naturstrassen fast überall verboten - in Israel nicht und deshalb wird der Trail häufig mit 4x4 Fahrzeugen oder Motorrädern geteilt (richtig geile Teile übrigens). An israelischen Wochenenden empfiehlt es sich, ein offenes Ohr zu haben. Israelische Naturstrassen sind gewöhnlich so breit, dass sich zwei breitere Landwirtschaftsfahrzeuge oder gewisse andere Vehikel jederzeit kreuzen können. 
      Leute 
      Aufgrund meines eher rabiaten Hikingstyles habe ich alle Southbounder innert Kürze angehängt. Hin und wieder sah ich Spuren, jedoch nicht durchgängig. UL ist unbekannt, viele hatten keine eigentlichen Wanderrucksäcke dabei, sondern eher Dinger, die wir zum Reisen verwenden würden. Israelis unternehmen diese Wanderung wohl weniger aus Freude am Gehen, sondern aus Freude an ihrem Land und der Kultur - Israel hat an jeder Ecke jahrtausendealte Ruinen, biblische Geschichte etc. Und natürlich wird auch die jüngere Geschichte aller Kriege überall am Leben erhalten. 
      Die nahöstliche Gastfreundschaft ist unbeschreiblich. An Tankstellen wurde ich zwar immer wieder schräg angeschaut und teilweise offensichtlich unfreundlich behandelt - diese Leute hatten einfach zum ersten Mal einen Hiker gesehen, es gibt auch Obdachlose. 
      Nach Einbruch der Nacht in arabischen Dörfern standen ganze Familien auf und stammelten ein „Shalom“. Wenn ich dann ein „Salam Aleikum“ zurückgab, verbunden mit „Have a nice evening“ hatte ich den Eindruck, diese Leute seien sich leider anderen Besuch gewohnt. Sie hatten offensichtlich noch nie einen fremden und vor allem unbewaffneten Menschen während der Dunkelheit durch ihr Dorf gehen sehen. Es lohnt sich wirklich, knallige Farben statt grün und schwarz zu tragen – durch meinen flippigen Rucksack checkten die Leute sofort, dass ich weder irgendwas oder irgendwen in die Luft jagen, noch eine Razzia durchführen will. Ja, wo der Trail an arabischen Dörfern vorbeikommt, ist er zugewachsener als anderswo. Offensichtlich meiden Israelis diese Abschnitte.
      Unabhängig von der Herkunft der Leute ist ihre Gastfreundschaft beispielslos. Ich wandere in den Moshaw Gimzo (wo bis zum Unabhängigkeitskrieg Palästinenser lebten). Eine Dame hält ihren Hyunday neben mir an. Nachdem sie sich erkundigt hat wohin ich wolle, sagt sie kurzerhand „come“ und fährt mich zu sich nach Hause. Der Shop im Moshav sei alt und nicht zu gebrauchen, ausserdem ohnehin geschlossen. Sie und ihre Familie seien religiös, deshalb essen sie nichts, sie dürften erst nach Sonnenuntergang essen. Sie bereiteten jetzt nur das Essen für nach dem Sonnenuntergang vor – es gäbe dann sogar Pizza. Für mich haben sie jedoch einen vollen Kühlschrank. Ich dusche und danach wird mir mehr aufgetischt, als dass ich essen kann. Sie sprechen nur schlecht Englisch aber wir unterhalten uns über Zürich und ihre religiösen Vorschriften. 
      Mit etwas Stolz erkläre ich, dass es in Zürich viele orthodoxe Juden gibt und glücklicherweise habe niemand ein Problem damit. Ein Neonazi dachte zwar kürzlich, es sei eine gute Idee an seinem Geburtstagsfest jüdische Menschen anzuspucken, dafür ist er jetzt da, wo er es sich noch eine ganze Weile lang so bequem, wie es da eben möglich ist, machen kann: Im Knast. Neonazis ist es übrigens hierzulande noch nie gelungen, eine Demonstration öffentlich anzukündigen und dann auch tatsächlich durchzuziehen. Ich denke, ein paar Leute würden durchaus ihr Sturmgewehr aus dem Kleiderschrank holen (ich habe keines, danke der Nachfrage). Idioten wie dieser Herr aus Halle können hierzulande wirklich nur hoffen, dass die Polizei sie bereits im Vorfeld ihrer geplanten abscheulichen Tat einsammeln kommt.    
      Die nette Dame gibt mir alles Mögliche mit, irgendwann muss ich abbrechen, zu wenig Platz in meinem Rucksack. 
      An einem anderen Tag komme ich ausserhalb des Kibbuz Dvir abends um 18:00 an. Camping ist schwierig, der Wald ist sehr offen. Ein junger Mann sitzt schweigend an einem Picknick Tisch und liest irgendwas. Ich studiere die Karte. Plötzlich erhebt sich der Mann und zieht einen Kocher hervor „Do you want Coffee?“ Natürlich will ich einen Kaffee. Sein Kochgeschirr sieht arabisch aus, ich denke jedoch fälschlicherweise, dass er aus dem Kibbuz kommt. Ich frage ihn wo ich campen könne. Hier eher nicht, sagt er und zeigt auf die leere Wodka Flasche am Boden. Er sagt aber, dass er mir helfen wolle, etwas zu finden. Zunächst fahren wir zum Tor des Kibbuz, wo er die Nummer auf dem Tor anruft, keine Antwort. Dann ruft er einen Freund an. Er spricht Arabisch, folglich ist er wahrscheinlich Palästinenser oder wie ich im Nachhinein herausgefunden habe, Beduine. Dann sagt er, ich könnte bei seinem Freund übernachten. Einfach so. Er fährt mich nach Rahat, der grössten arabischen Stadt in Israel und nun Wohnort von Beduinen. Sie sind beide Lehrer und bezeichnen die Schweiz als Heaven, sie würden gerne hier arbeiten. Am nächsten Tag fährt mich Fuad zurück nach Dvir.
      Trailmagic
      Null. Hin und wieder trifft mensch auf umfunktionierte Armeekisten, die bis zum Rand mit Büchern gefüllt sind. Leider nur in Hebräisch, oftmals findet man religiöse Propaganda. Kurz vor Jerusalem steht eine grössere Kiste, die war bis auf Hygieneartikel aber ebenfalls leer. 
      Wasser
      Aufgrund der Temperaturen gibt es häufig Wasserspender, auch in den Wäldern. Vorsicht, dies gilt nicht für die Wüste. Das Wasser wird von irgendwo her gepumpt und ist lauwarm. Elektrolyttabs mit Geschmack oder gar “Waterenhancer” sind sehr empfehlenswert. Ich habe mir mit Besuchen an Tankstellen geholfen, an solchen kommt mensch immer wieder vorbei. Sehr empfehlenswert ist Cola Zero mit Zitronengeschmack (habe ich in der Schweiz noch nirgendwo gesehen) – Grund: Es schmeckt auch in lauwarmem Zustand. Wasserfilter kann man zumindest für den Nicht-Wüstenteil getrost zu Hause lassen – Wasser aus den Bewässerungsanlagen zu trinken bringt einem hoffentlich noch rechtzeitig ins Spital. Es hat Dünger darin. Es gibt immer Wasser irgendwo zu kaufen oder eben diese Spender. Ausser an Jom-Kippur, dann schliesst wirklich alles, sogar die Autobahn kann gequert werden, wo es gerade passt (musste ich tun, weil ich mich nicht mit den Hunden eines Schäffers auseinandersetzen wollte). 
      Fazit
      Die Landschaft ist tatsächlich schön, nur ist der Müll darin für mich nicht nachvollziehbar und nicht akzeptabel. Für mich nimmt die Vermüllung der Landschaft diesem Trail jeglichen Reiz. 
      Die hohen Temperaturen verlangen zudem nach längeren Angewöhnungsphasen oder mensch nutzt das schmale Fenster im Januar und Februar.
      Dieser Trail kann nur Leuten empfohlen werden, die sich ohnehin in Israel aufhalten oder dort leben. Andere sollten warten, bis die Israelis ihr Littering Problem in den Griff gekriegt haben.
       
    • Von MarcG
      Thru Hike des East Coast Trail - 1. Juni - 12. Juni 2017
      Offizielle Webseite: http://www.eastcoasttrail.com/
      Umfassende Seite zum Thru Hiking: http://www.ectthruhike.com/
      Packliste: https://lighterpack.com/r/6zvg23
      Prolog
      Der ECT liegt an der Ostküste von Neufundland auf der Halbinsel Avalon - und damit auf dem östlichsten Teil Nordamerikas (und auch Kanadas). Die offizielle Trail-Länge ist 312 Kilometer, aber vermutlich sind es ein paar mehr. Der Trail ist aufgeteilt in 26 "Paths" die meist zwischen den einzelnen Ortschaften und Gemeinden liegen. Man muss sich das so vorstellen, dass es verteilt über die Küste immer wieder kleine Siedlungen gibt und zwischen denen läuft dann die Strecke an der Küste entlang. Durchgängig verbunden ist der Trail also nicht, man läuft oft von einem Ende des Ortes zum anderen um wieder auf den nächsten Path zu gelangen. Manchmal sind das nur eine handvoll Meter, manchmal auch deutlich längere Strecken. So wandert man z.B. durch das Stadtzentrum der Provinzhauptstadt St. John's - mit mehr als 100.000 Einwohnern. Das ganze hat aber auch einen großen Vorteil: Man ist nie wirklich weit weg von der Zivilisation und Versorgungsmöglichkeiten - aber gleichzeitig ist der Trail auch sehr naturnah, weil die Buchten und Halbinseln eigentlich zivilisatorisch gar nicht erschlossen sind. Es gibt hier kaum Land- oder Forstwirtschaft - alles ist auf das Meer und Fischfang ausgerichtet. Der ECT ist relativ neu und viele der Strecken sind extra erst für den Trail angelegt und geschlagen worden. Begonnen wurde damit 1994 und die Strecke wird immernoch erweitert. Seit einigen Wochen ist er auch offiziell Teil des Trans-Canada Trails! 
      Vorbereitung und Packliste
      Es gibt eine sehr gute Seite mit Informationen zum Thru-Hiken und damit kann man an sich alles gut planen. Die längste Strecke zwischen Versorgungspunkten ist ungefähr 2-3 Tage und das lässt sich ja leicht bewältigen. Ich habe mit Temperaturen knapp über 0°C nachts und bis zu 20°C tagsüber gerechnet und es kann durchaus auch mal anhaltend regnen. Entsprechend wurde der Cumulus Quilt und die wärmere Luftmatratze eingepackt. Dazu Regenjacke, Windhose und Regenkilt für das miese Wetter. Trailrunner mit Goretex. Eine leichte Kufa-Jacke. Ich nahm das Tensegrity mit, bietet es doch mehr Raum als mein Tarptent (was leichter ist), aber dafür ist die Belüftung besser. 
      Bevor es nach Neufundland ging, war ich noch eine Woche in Ontario wandern. Einerseits um die Ausrüstung nochmal zu testen, und um die Beine und Füße einzulaufen. Dabei merkte ich z.B. dass ich Kochen doch eher nervig finde und meine Kochkünste zusammen mit meinen seltsamen Essgewohnheiten nichts schmackhaftes produzieren. Ich entschloß mich daher die no-cook Variante zu gehen. Ich war auch so schlau meine neu gekaufte Kompaktkamera in einem See zu verlieren - was der Packliste auch wieder einige Gramm ersparte. Ich hatte auch noch eine Spiegelreflex mit in Kanada, aber die kanadische Post hatte mein Paket falsch ausgeliefert so dass mir das auch nicht zur Verfügung stand. So wurden alle Bilder mit dem Smartphone gemacht.  Der Trip in Ontario lief an sich zwar gut, aber ich hatte mehr Fuß-Probleme als erwartet. Zum Glück legte sich das mit dem Eintreffen in Neufundland und die Füße waren jetzt auch schon abgehärtet. 

    • Gast
      Von Gast
      Ich habe ein paar Informationen über den Israel National Trail (INT) zusammengestellt, die ich Interessenten gerne weitergeben möchte. Ich war von dem Trail begeistert; vor allem die ersten 400 der insgesamt gut 1000 Kilometer waren grandios. Sie führen durch die Negev-Wüste. Dort muss man sich Wasser organisieren, es selbst verstecken oder bei einem Anbieter bestellen. Der Weg führt durch Canyons und Krater, über Klippen und Grate. Faszinierende Ausblicke, Stille, Einsamkeit, Hitze, Schweiß und Lagerfeuerromantik sind inklusive.
       
      Wo der Weg durch Kibbuzim oder kleine Orte führt, kann man bei Trail Angels unterkommen, das sind hilfsbereite Menschen, die entlang des INT wohnen und Wanderer bei sich zuhause aufnehmen. Diese Leute sind wirklich unglaublich nett, erzählen Euch Geschichten aus ihrem Leben, bekochen Euch oder holen Euch auch mal direkt auf dem Trail ab. Dadurch habe ich Israel besser kennen gelernt als irgend ein anderes Land, das ich bislang bereist habe.
       
      Jedes Jahr sind geschätzte 1500 through hiker auf dem INT unterwegs, die meisten von ihnen sind junge Israelis, die gerade den Wehrdienst hinter sich haben. Der Abschnitt durch die Negev-Wüste (zwischen Eilat am Roten Meer und Arad) lässt sich gut in drei Wochen meistern. Weitere Informationen zum Water Caching und zur Ausrüstung findet Ihr als FAQ auf meiner kleinen Website zum Israel National Trail. Wer weitere Fragen hat, kann mich gerne kontaktieren, am besten über das Kontaktformular dort.
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