Also ich war zum Beispiel beim Solo-Wandern durch Andalusien echt untermenscht, wo ich eigentlich sonst eher schnell übermenscht bin. Dort fand ich es aber ganz besonders schwierig, da mein Spanisch so lala ist und der Opa auf der Bank außerhalb des Dorfs (oder ähnlich) mir immer dreimal etwas sagen musste, bevor ich es verstand. Ganz zu schweigen davon, dass wir uns sowieso meist nicht so wahnsinnig viel zu sagen hatten, um uns gegenseitig zu "verstehen".
Das ist ein Phänomen, das mir vor allem in ganz anderen Kulturen auffällt. In Indien – wo sehr viele Menschen Englisch sprechen, fehlt einfach der common ground und die Gespräche bleiben sehr oberflächlich. Die Dinge die mich wirklich interessieren würden, fallen aufgrund der großen kulturellen Entfernung – wenn man es nicht gerade mit studierten oder anderweitig kosmopolitischen Indern zu tun hat – weg, weil die Fragen die ich hatte, gar nicht verstanden wurden. Nicht sprachlich in diesem Fall, sondern kulturell. Ein Schlüsselerlebnis hatte ich diesbezüglich mit einem indischen Taxifahrer, mit dem wir eine sehr lange Fahrt hatten, der sehr viel Kontakt zu europäischen Touristen hat und der verstand, worauf ich mit meiner Fragerei hinaus wollte. Ebendieser hat sich beispielsweise – entgegen der Tradition – für nur ein Kind entschieden. Es wurde dann ein Mädchen. Sie kam heraus, sagte er, und "Gott sei dank war sie weiß". Jetzt steckt die Kleinfamilie ihr ganzes Geld in die Ausbildung der Tochter. Wenn sie mal studiert, wird sie in eine andere Stadt ziehen müssen und in einem Mädchenpensionat wohnen, da junge Frauen in Indien nicht ohne Anstandswauwau sein können. Wir stellten unsere Fragen nach dem Umgang mit Alkohol (in Indien trinken viele Männer heimlich, es ist geächtet), mit Pornografie (riesiger Schwarzmarkt) und dem Kastenwesen. Weil er Kontakt mit Touristen hatte und dadurch einen Referenzrahmen, verstand er überhaupt erst, was wir von ihm wollten.
In Kuba ist es durch die christliche Grundlage schon wesentlich einfacher, Grundlegendes zu verstehen. Aber ein paar Dinge musste ich erst "erfahren". Ich ging öfter mal abends zu Konzerten um zu tanzen. Salsa ist ja bekanntermaßen Volkssport in Kuba und die Kubaner sind dabei auch nicht übergriffiger, als im restlichen Leben. Da ich aber alleine unterwegs war, musste ich feststellen, dass ich demjenigen, mit dem ich am Abend als erstes tanze, "gehöre", denn alle anderen mussten dann zuerst ihn fragen, ob sie mit mir tanzen dürften. Also aufpassen bei der Tanzpartnerwahl! LOL.
Die baptistischen, ältlichen Schwestern, in deren Haus ich für etwa eine Woche wohnte, haben mich zum Gottesdienst mitgeschleppt (3 Stunden, viel Pathos) und waren enttäuscht, dass der 18jährige Neffe (hätte mein Sohn sein können), dem ich bei seiner Englischklausur half und der mir eines Abends unter Tränen seine Liebe gestand nicht meinem Geschmack entsprach. Die Tante führte ein langes, ernsthaftes Gespräch mit mir, dass er ganz traurig sei, dass ich seine Avancen nicht erwidern würde, und ob ich mir nicht einen Ruck geben könnte. so richtig verstanden hatte ich das erst nach weiteren 4 Wochen im Land.
Ich erzähle das, um darzustellen, dass es eine gemeinsame Grundlage und etwas Zeit braucht, um eigene Erfahrungen zu machen und wirklich etwas (ein bisschen mehr) von einem Land oder einer anderen Kultur zu verstehen. Beim Wandern gibt es ja den Nachteil, dass man meistens nur einen Abend an einem Ort ist. Ich habe dabei bisher nur andere Wanderer besser kennengelernt und dann oft solche, die auch Ausländer waren, wie ich auch.
In Andalusien habe ich übrigens gegen Ende meiner Wanderung auf einem Campingplatz eine tolle, französische Familie kennengelernt, die mit ihrem 17jährigen Sohn mit Downsyndrom unterwegs waren. Mein Französisch ist sehr gut, von daher waren sie meine "gesellschaftliche" Rettung vor für zwei Tage .